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		<title>Das Geheimnis eines Sommers</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Benjamin Moldenhauer]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Mar 2023 16:00:22 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Aftersun“ von Charlotte Wells erzählt auf wunderbare Weise davon, wie die Schmerzen der Eltern unausgesprochen ihre Kinder prägen. Der letzte Sommer der Kindheit sorgt als Topos mitunter für die schönsten Filme. Stand by Me (Rob Reiner, 1986) ist der Klassiker. Ein jüngerer Film, der den Sommer als Transformationsraum so erzählt hat, dass die Kindheit der Zuschauer:innen Teil der Filmerfahrung wurde, als durch die Bilder beförderte Erinnerung, war Ava von Léa Mysius (hier eine Besprechung in nd). In beiden Filmen geht [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><em>„Aftersun“ von Charlotte Wells erzählt auf wunderbare Weise davon, wie die Schmerzen der Eltern unausgesprochen ihre Kinder prägen.</em></p>
<p>Der letzte Sommer der Kindheit sorgt als Topos mitunter für die schönsten Filme. <em>Stand by Me </em>(Rob Reiner, 1986) ist der Klassiker. Ein jüngerer Film, der den Sommer als Transformationsraum so erzählt hat, dass die Kindheit der Zuschauer:innen Teil der Filmerfahrung wurde, als durch die Bilder beförderte Erinnerung, war <em>Ava </em>von Léa Mysius (<a href="https://www.nd-aktuell.de/artikel/1101746.der-andere-zugang-zur-welt.html" target="_blank" rel="noopener">hier eine Besprechung in nd</a>). In beiden Filmen geht es um Erfahrungen, die man zum ersten Mal macht, und um solche, die man zum letzten Mal machen wird.</p>
<p>Charlotte Wells’ Debütfilm <em>Aftersun </em>schließt hier an und blickt auf den letzten Sommer der Kindheit noch einmal anders zurück. In <em>Stand by Me </em>ist die Erzählung in einen Rahmen eingebettet; ein Schriftsteller, der sich erinnert, erzählt, wie es war. Die Kraft der Erinnerung ist in der Verfilmung des Stephen-King-Romans ungebrochen und sozusagen omnipotent. Die Erzähler sind in den Geschichten Kings zumeist allwissend. In <em>Aftersun </em>aber geht es gerade um die Brüchigkeit der Erinnerung und ein quälendes Nichtwissenkönnen. Sophie (Celia Rowlson-Hall), erwachsen, erinnert sich an den letzten Sommer, den sie als Elfjährige (großartig: Frankie Corio) mit ihrem Vater Calum (ebenfalls großartig: Paul Mescal) verbracht hat, in einem Ferien-Resort in der Türkei, Ende der Neunzigerjahre.</p>
<figure id="attachment_9279" aria-describedby="caption-attachment-9279" style="width: 550px" class="wp-caption alignnone"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" src="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/aftersun05-1280x720-1.jpg?resize=550%2C309&#038;ssl=1" class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load wp-image-9279" data-lazy-src="https://filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/aftersun05-1280x720-1-300x169.jpg" alt="Aftersun, Charlotte Wells" width="550" height="309" /><figcaption id="caption-attachment-9279" class="wp-caption-text"><noscript><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="wp-image-9279" src="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/aftersun05-1280x720-1.jpg?resize=550%2C309&#038;ssl=1" alt="Aftersun, Charlotte Wells" width="550" height="309" srcset="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/aftersun05-1280x720-1.jpg?resize=300%2C169&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/aftersun05-1280x720-1.jpg?resize=1024%2C576&amp;ssl=1 1024w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/aftersun05-1280x720-1.jpg?resize=770%2C433&amp;ssl=1 770w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/aftersun05-1280x720-1.jpg?resize=500%2C281&amp;ssl=1 500w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/aftersun05-1280x720-1.jpg?resize=293%2C165&amp;ssl=1 293w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/aftersun05-1280x720-1.jpg?resize=390%2C219&amp;ssl=1 390w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/aftersun05-1280x720-1.jpg?w=1280&amp;ssl=1 1280w" sizes="(max-width: 550px) 100vw, 550px" /></noscript> Paul Mescal, Frankie Corio</figcaption></figure>
<p>Wir sehen die beiden in ihren Ferien, und <em>Aftersun </em>findet wunderschöne Bilder und konstruiert präzise Momente, um eine liebevolle Vater-Tochter-Beziehung in Szene zu setzen. Bilder, die aber nichts zwangsharmonisieren. Calum schleppt etwas mit sich mit, und Sophie, als Kind wie als Erwachsene, weiß nicht, was es ist. Erwachsen und selbst Mutter geworden schaut sie sich die Videoaufnahmen des letzten gemeinsamen Urlaubs an, immer wieder, um hinter das (um den deutschen Untertitel von <em>Stand by Me</em> zu zitieren) Geheimnis dieses Sommers zu kommen. Ohne Erfolg – hieße Erfolg, dass man die Erinnerung auf einen Nenner, eine von da an gültige Wahrheit bringen kann.</p>
<p>Wir als Filmzuschauer:innen wissen noch weniger. Wells‘ Montage suggeriert subtil, dass Calum etwas Schreckliches passiert ist (die Rezensentenvermutung wäre schon ein Spoiler in diesem Fall). Auch einige Dialoge deuten etwas an, etwas Irreparables. Er hätte sich in ihrem Alter nicht vorstellen können, dass er Dreißig wird, erzählt Calum Sophie, der in dem Resort seinen 31. feiert. Und er glaube nicht, dass er es bis zur Vierzig schafft. Ein Weinkrampf, eine angedeutete Sehnsucht nach der Mutter seiner Tochter, von der er geschieden ist, Finanzsorgen, seltsam autistische Tänze allein auf dem Balkon: Charlotte Wells zeigt ihre Figur so, dass ihre immer präsente Dunkelheit nicht als extremer Gegenpol zum (genauso authentischen) Glück der Vater-Tochter-Beziehung wird, sondern als Teil dieser Beziehung. Das ist vielleicht schon ein Geheimnis, das <em>Aftersun </em>aufdeckt: Man kann das eine nicht ohne das andere haben, der Schmerz und die Verletzungen der Eltern aus allen Lebensphasen fließen ein in die Eltern-Kind-Beziehung und gestalten sie mit. Idyll und Harmonie sind Lügen, und das ist auch nicht schlimm, weil Glück eh etwas anderes ist als Idyll und Harmonie.</p>
<p><iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/vXKcWRu8K_U" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/vXKcWRu8K_U" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></p>
<p><em>Aftersun </em>nimmt den Vater konsequent durch die Augen der Tochter wahr (die Einstellungen auf ihn, bei denen sie nicht im Raum ist, müssten dann Teil ihres Fantasierens über ihren Vater sein). Und <em>Aftersun </em>erzählt wie nebenbei, aber eigentlich zentral, von der Schwelle zwischen Kindheit und Jugend. Sophie interessiert sich sehr für die Beziehungen der Menschen um sie herum und dafür, was es heißt zu wachsen. Die wunderbar beiläufige, trotzdem immer fokussierte Kamera entspricht dem umherschweifenden, alle aufnehmenden kindlichen Blick. Letzter ist hier verbunden mit Sommersonnenlicht und geht ins Offene. Während der erwachsenen Figur die dunklen Räume vorbehalten sind. Die sommerliche Ferienleichtigkeit, die in diesen Bildern steckt, überdeckt alles andere beim Sehen genau so weit, dass einem erst beim Abspann oder am nächsten Morgen ganz in die Wahrnehmung rückt, was für ein unendlich trauriger Film <em>Aftersun </em>eigentlich ist.</p>
<h6><a href="https://mubi.com/memberships?lt=1e7gduckdqndvk0k4cqoeogvwfrmd6ruz8gvtuz1679841286" target="_blank" rel="noopener">Auf MUBI anmelden und streamen</a></h6>
<p>&nbsp;</p>
<div style="font-size: 12px; line-height: 1.9; background-color: #eaeae5; padding: 30px; color: #1e1e1e;"><p><strong>Aftersun</strong><br />
<strong>USA/UK 2022</strong><br />
<strong>Regie &amp; Drehbuch</strong> Charlotte Wells<br />
<strong>Mit</strong> Frankie Corio, Paul Mescal, Celia Rowlson-Hall<br />
<strong>Laufzeit</strong> 101 Minuten</p>
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		<title>Oskars Kleid</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Benjamin Moldenhauer]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 22 Dec 2022 18:00:05 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Oskars Kleid, Eselsohren, Edgar Allan Poe, Whitney Houston, Ennio Morricone, der letzte Wunsch eines gestiefelten Katers und noch ein paar Starts zu Silvester: Das Kinojahr endet schön und gut und bunt. Von Benjamin Moldenhauer und Roman Scheiber. Ein Kritiker-Liebling der vergangenen Festival-Saison war EO, Jerzy Skolimowskis Neuinterpretation (nicht Remake) von Robert Bressons Meisterwerk Zum Beispiel Balthazar. Die Passionsgeschichte eines Tiers als unspezifische Metapher, mit denen Zuschauerin und Zuschauer eigene Emotionen verbinden können. Wundervoll gefilmt, nicht zuletzt. Unsere Kritik zu EO [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Oskars Kleid, Eselsohren, Edgar Allan Poe, Whitney Houston, Ennio Morricone, der letzte Wunsch eines gestiefelten Katers und noch ein paar Starts zu Silvester: Das Kinojahr endet schön und gut und bunt. Von Benjamin Moldenhauer und Roman Scheiber.<br />
</em></p>
<p>Ein Kritiker-Liebling der vergangenen Festival-Saison war <strong><em>EO</em></strong>, Jerzy Skolimowskis Neuinterpretation (nicht Remake) von Robert Bressons Meisterwerk <em>Zum Beispiel Balthazar</em>. Die Passionsgeschichte eines Tiers als unspezifische Metapher, mit denen Zuschauerin und Zuschauer eigene Emotionen verbinden können. Wundervoll gefilmt, nicht zuletzt. Unsere Kritik zu <em>EO</em> finden Sie <a href="https://filmfilter.at/themen/kritiken/erdbeobachtung-mit-eselsohren/">hier</a>.</p>
<p>Gesellschaftliche Zwänge ergreifen auch Denken und Fühlen des von der Mutter seines Sohnes getrennten Vaters Ben (Florian David Fitz). Ben nämlich kommt nicht damit zurecht, dass Oskar (Laurì) gerne Kleider trägt und gar kein Sohn ist, sondern eine Tochter, Lili. Hüseyin Tabak, der bereits mit Filmen wie <em>Deine Schönheit ist nichts wert </em>und <em>Gipsy Queen</em> einen sehr empathischen Blick für Außenseiterfiguren an den Tag gelegt hat, erzählt in <strong><em>Oskars Kleid </em></strong>von Irritation, Abwehr und einer Verwandlung – einer Verwandlung nicht nur des Kindes, sondern auch des Vaters. Und das alles in einem heiteren, gelösten Ton, der der Gender-Debatte viel von ihrer Schwere nimmt.</p>
<p><iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/R09wG1Rf9Kw" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/R09wG1Rf9Kw" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></p>
<p>Klassisches Thriller-Material mit einigen Verweisen und Anspielungen fährt <strong><em>Der denkwürdige Fall des Mr. Poe </em></strong>auf (schöner Originaltitel: <em>The Pale Blue Eye</em>). Christian Bale untersucht im dunkel-verschneiten Staat New York einen angeblichen Selbstmord, der sich bald als Ritualmord entpuppt. Unterstützt wird der Ermittler von einem jungen Kadetten, Edgar Allan Poe&#8230; Regisseur Scott Cooper (<em>Out of the Furnace</em>, <em>Hostiles,</em> beide ebenfalls mit Bale in der Hauptrolle, <em>Antlers</em>) zeichnet erneut ein sehr finsteres, in diesem Fall <em>gothic</em> anmutendes Bild der USA. Nach exklusiv anmutenden Vorführungen im Wiener Gartenbau, in Stockerau bzw. Neunkirchen erscheint erscheint die Romanadaption nach den Weihnachtsferien auf ihrer Produktionsplattform Netflix.</p>
<p><iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/ddbL9jvg77w" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/ddbL9jvg77w" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></p>
<p>Zweimal Musik: Das Biopic <strong><em>Whitney Houston: I Wanna Dance With Somebody </em></strong>erzählt Aufstieg (eine unglaublich hohe Zahl verkaufter Alben und Singles, „I Will Always Love You“) und Fall (Ehe mit Bobby Brown, Drogen) der Titelheldin als tragische Heldinnengeschichte.</p>
<p>Ruhiger geht es in dem Dokumentarfilm <strong><em>Ennio Morricone – Der Maestro </em></strong>zu. Der wohl produktivste Soundtrack-Komponist, dessen Werk ohne nennenswerte Ausreißer nach unten monolithenhaft in der Landschaft steht, ist hier bei der Arbeit und in vielen Interviews zu sehen. Begleitet von durchweg Bewunderung erkennen lassenden Zeitgenossen wie Bernardo Bertolucci, Oliver Stone, Quentin Tarantino, Hans Zimmer. Und Bruce Springsteen.</p>
<p><iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/28TSW-SPuQk" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/28TSW-SPuQk" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></p>
<p>Der Kinderfilm der Woche ist zugleich auch einer der unterhaltsamsten Filme, die in diesem Jahr noch in die Kinos kommen. <strong><em>Der gestiefelte Kater 2: Der letzte Wunsch / Puss in Boots: The Last Wish</em> </strong>schließt an den bislang unerklärlicherweise sequel-los gebliebenen ersten Teil aus dem Jahr 2011 an. Der erschien zur Hochzeit des alle Alterklassen abholenden Kinderfilms der Pixar-Schule, als <em>Shrek</em>-Spin-off, welches das ursprüngliche Franchise in Sachen Tempo, Wortwitz und vor allem Animationskunst noch übertraf. Und auch das Sequel sieht – geht man nach dem Trailer – wieder äußerst vielversprechend aus.</p>
<p><iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/Y5zqweZAEKI" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/Y5zqweZAEKI" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></p>
<p>Ein Ausblick noch auf die letzte Dezemberkinowoche: <strong><em>Was man von hier aus sehen kann</em></strong> setzt ganz auf wehmütige Skurrilität. Ein Bild der deutschen Provinz, die hier als Ort des magischen Realismus gefasst wird: Aberglaube, wahrsagerische Träume vom Tod, <em>Amélie</em>-artige Figuren, die meist irgendeinen ulkigen oder unheimlichen Sockenschuss haben, aber am Ende doch fast allesamt liebenswert erscheinen.</p>
<p>Auch erscheint der neue Streich des notorisch liebenswerten Filmemachers Marko Doringer, <em><strong>Mein Wenn und Aber</strong></em>. Nach <em>Mein halbes Leben</em> und <em>Nägel mit Köpfen</em> schließt er eine hochpersönliche Trilogie der Existenzbefragung ab, wir hoffen: mit Erfolg. Ein Gespräch mit Marko Doringer finden Sie <a href="https://filmfilter.at/podcasts/">in unserem Podcast</a>.</p>
<p><iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/hoX3_lQsiD8" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/hoX3_lQsiD8" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></p>
<p>Mia Hansen-Løve ist spätestens seit <em>Alles was kommt </em>und<em> Eden </em>eine der genauesten filmischen Beobachterinnen von Lebensschicksalen zur Zeit. Mit <em>Bergman Island </em>(einen erhellenden Aufsatz dazu finden Sie <a href="https://filmfilter.at/themen/essays/den-dreh-finden/">hier</a>) hat sie zuletzt außerdem eine tiefgreifende Reflexion des Verhältnisses von Film und Leben geschaffen. In ihrem neuen Film <strong><em>An einem schönen Morgen </em></strong>(Trailer <a href="https://youtu.be/ZkWQOdMejQc" target="_blank" rel="noopener">hier</a>) spielt Lea Seydoux eine junge Witwe, die als alleinerziehende Mutter in Paris zwischen Beruf und dem Leben mit Kindern klarkommen muss. Damit ist Hansen-Løve zum autobiografisch gefärbten Biografie-Kino zurückgekehrt, das im französischen Bildungsbürgertum spielt, ohne Metaebene und reflexiven Bruch.</p>
<h5>Wir wünschen ein frohes Fest, schöne Feiertage sowie einen guten Rutsch und melden uns wieder mit der nächsten Kinovorschau am 5. Jänner 2023!</h5>
<h5>Unterstützen Sie uns <a href="https://filmfilter.at/abo/">hier</a> mit einem Mitgliedsbeitrag Ihrer Wahl!</h5>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Erdbeobachtung mit Eselsohren</title>
		<link>https://filmfilter.at/themen/kritiken/erdbeobachtung-mit-eselsohren/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Alexandra Seitz]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Dec 2022 18:00:07 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„EO“: Am Beispiel des titelgebenden Esels zollt Jerzy Skolimowski einer fundamental anderen Lebensform unseres Planeten, deren Beseeltheit wir nicht mehr wahrnehmen, seinen Respekt. Warum heißt dieser Esel eigentlich EO? Als Abkürzung kann EO allerhand bedeuten, von Elektrotechnikoffizier (an Bord von Marineschiffen) über Executive Order (gegeben von amerikanischen Präsidenten und Gouverneuren) bis hin zur Entgeltordnung (festgelegt in Tarifverträgen für den öffentlichen Dienst). EO steht aber auch für das Wort „Erdbeobachtung“ (Earth Observation) und damit für den Blick von Weitweg aufs Große [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><em>„EO“: Am Beispiel des titelgebenden Esels zollt Jerzy Skolimowski einer fundamental anderen Lebensform unseres Planeten, deren Beseeltheit wir nicht mehr wahrnehmen, seinen Respekt. </em></p>
<p>Warum heißt dieser Esel eigentlich EO? Als Abkürzung kann EO allerhand bedeuten, von Elektrotechnikoffizier (an Bord von Marineschiffen) über Executive Order (gegeben von amerikanischen Präsidenten und Gouverneuren) bis hin zur Entgeltordnung (festgelegt in Tarifverträgen für den öffentlichen Dienst). EO steht aber auch für das Wort „Erdbeobachtung“ (Earth Observation) und damit für den Blick von Weitweg aufs Große Ganze. Im Allgemeinen werden zur Erdbeobachtung Satelliten eingesetzt, deren erhobene Daten den Geowissenschaften zugute kommen; freilich kann mit Hilfe von Satelliten auch spioniert werden.</p>
<p>Der Blick von EO, dem Titelhelden der aktuellen Arbeit des polnischen Künstlers und Filmemachers Jerzy Skolimowski (geboren 1938 in Łódź), ist kein heimlich durchs Schlüsselloch geworfener; der Esel hat auch keine verborgene Agenda wie beispielsweise einen Machtwechsel und damit das Ende der menschlichen Terrorherrschaft herbeizuführen. Allenfalls würde EO sich wohl gerne wieder geborgen fühlen und wertgeschätzt; so wie damals im Zirkus, als er gemeinsam mit der Tänzerin Kasandra (Sandra Drzymalska) auftrat, die ihn gestreichelt hat und liebkost und die seinen Namen zärtlich in seine haarigen Langohren flüsterte. Aber dann kamen die Tierschützer und meinten es gut und die Zirkustiere wurden beschlagnahmt und an unterschiedlichen geeigneten Orten untergebracht. So gelangte EO auf ein Pferdegestüt, wo ihm eine herrliche Schimmeldame dergestalt den Kopf verdrehte, dass er Reißaus nahm. Dies zumindest meine Interpretation der dortigen Vorgänge, denn wir können ja nicht wissen, und auch Skolimowski weiß es nicht, was in des Esels Hirn vorgeht.</p>
<figure id="attachment_9345" aria-describedby="caption-attachment-9345" style="width: 550px" class="wp-caption alignnone"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/EO.jpg?resize=550%2C385&#038;ssl=1" class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load wp-image-9345" data-lazy-src="https://filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/EO-300x210.jpg" alt="Skolimowski, EO" width="550" height="385" /><figcaption id="caption-attachment-9345" class="wp-caption-text"><noscript><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="wp-image-9345" src="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/EO.jpg?resize=550%2C385&#038;ssl=1" alt="Skolimowski, EO" width="550" height="385" srcset="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/EO.jpg?resize=300%2C210&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/EO.jpg?resize=1024%2C717&amp;ssl=1 1024w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/EO.jpg?resize=770%2C539&amp;ssl=1 770w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/EO.jpg?resize=1536%2C1076&amp;ssl=1 1536w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/EO.jpg?resize=500%2C350&amp;ssl=1 500w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/EO.jpg?resize=293%2C205&amp;ssl=1 293w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/EO.jpg?resize=1400%2C981&amp;ssl=1 1400w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/EO.jpg?resize=390%2C273&amp;ssl=1 390w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/EO.jpg?resize=1320%2C925&amp;ssl=1 1320w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/EO.jpg?w=1800&amp;ssl=1 1800w" sizes="(max-width: 550px) 100vw, 550px" /></noscript> Hola, Tako, Marietta, Ettore, Rocco oder Mela als EO</figcaption></figure>
<p>Zwar versucht Michał Dymeks Kamera (sowie die zusätzlichen von Paweł Edelman und Michał Englert) unermüdlich, seinen Blick einzufangen, aber selbst wenn er – beziehungsweise einer der sechs sardischen Esel, die EO verkörpern: Hola, Tako, Marietta, Ettore, Rocco und Mela geheißen – in die Kamera schaut, sehen wir doch nicht mehr, als den Blick des Fremden, eines Tiers, einer fundamental anderen Lebensform. Oder vielmehr: jener anderen Lebensform, die wir uns derart entfremdet haben, dass wir ihr beseeltes Sein nicht mehr wahrnehmen, nur noch ihren Nutzen.</p>
<p>Skolimowskis Film – der dies Jahr im Wettbewerb von Cannes uraufgeführt wurde und (ex aequo mit <em>Le otto montagne</em>) den Preis der Jury erhielt – fügt sich ein in eine Reihe von Arbeiten, in denen versucht wird, über diesen menschenverschuldeten Abgrund hinweg wieder Kontakt herzustellen zu den Mitgeschöpfen. Sowie ihnen dabei jenen Respekt entgegenzubringen, der ihnen gebührt, jedoch allzu lange schon verweigert wird. Kürzlich unternommen haben dies, um die beiden wichtigsten zu nennen, Victor Kossakovsky in <em>Gunda</em> (2020) am Beispiel eines Hausschweins und Andrea Arnold in <em>Cow</em> (2021) am Beispiel einer Milchkuh (<a href="https://filmfilter.at/themen/kritiken/labour-of-love/">unsere Besprechung</a>). Diese gnadenlos bitteren Filme stehen in einem scharfen Kontrast zu jenen zahllosen modischen Naturdokus, welche die im Anthropozän verglimmende Schönheit unseres Planeten mit viel Pathos, nicht weniger Kitsch und unter Aufbietung des gesamten Arsenals des Überwältigungskinos ein letztes Mal abfeiern. Nichts davon hier, wo sich selbst der preisgekrönte avantgardistische Score von Paweł Mykietyn und die visuelle Experimentierfreude des Kamera-Trios demütig dem Versuch der Einfühlung unterordnen.</p>
<p><iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/Ppf4cOGXDIo" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/Ppf4cOGXDIo" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></p>
<p>Freilich erinnert <em>EO</em>, der Film über den Esel, der unter die Menschen fiel, an Robert Bressons Meisterwerk <em>Au hasard Balthazar</em> aus dem Jahr 1966. Wo jedoch Balthazar für Bresson wie eine thematische Aufhängevorrichtung für unterschiedliche Aspekte der Conditio Humana fungiert, da liefert EO bei Skolimowski die Perspektive auf Facetten der Conditio Animalis: EOs Reise – die vom Zirkus ins Gestüt in den Streichelzoo auf eine Pelztierfarm und darüber hinaus führt und während derer er unterschiedliche Inkarnationen vom Arbeitstier über das Maskottchen bis zum Fleischlieferanten durchläuft – kann, nein, muss auch als Kreuzweg gelesen werden.</p>
<p>Am Ende schließt EO sich einer des Wegs kommenden Herde Kühe an &#8211; endlich andere Vierhufer! Verwandte sozusagen. Er hätte das freilich nicht tun sollen. Die Kiefer des mächtigsten Monsters, das der Mensch ist, zermahlen unterschiedslos und ohne Mitgefühl ALLES. Erst recht einen ver(w)irrten Esel.</p>
<p>&nbsp;</p>
<div style="font-size: 12px; line-height: 1.9; background-color: #eaeae5; padding: 30px; color: #1e1e1e;"><p><strong>EO</strong><br />
<strong>Polen/Italien 2022, Regie</strong> Jerzy Skolimowski<br />
<strong>Mit</strong> Sandra Drzymalska, Isabelle Huppert, Lorenzo Zurzolo<br />
<strong>Laufzeit</strong> 86 Minuten</p>
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		<title>Pinocchio und Mussolini</title>
		<link>https://filmfilter.at/fantastischer-film/pinocchio-und-mussolini/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Alexandra Seitz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 18 Dec 2022 09:00:10 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Pinocchio“: Guillermo del Toro schaut in seiner Version der berühmten Holzpuppenheldenreise tief in die Seele der Geschichte. Allein für Leinwand und Mattscheibe existieren bereits weit über dreißig Adaptionen des Pinocchio-Stoffes. Trickfilme finden sich darunter zahlreiche, was nahe liegt, handelt es sich beim Titelhelden doch um eine aus Holz geschnitzte Figur, die auf zauberische Weise zum Leben erwacht. Es gibt Spielfilme, Musicals, einen Horror- (lebendig werdende Puppe, eh klar) und einen Erotikfilm (denken Sie hier an die wachsende Nase, dann leuchtet [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><em>„Pinocchio“: Guillermo del Toro schaut in seiner Version der berühmten Holzpuppenheldenreise tief in die Seele der Geschichte.</em></p>
<p>Allein für Leinwand und Mattscheibe existieren bereits weit über dreißig Adaptionen des Pinocchio-Stoffes. Trickfilme finden sich darunter zahlreiche, was nahe liegt, handelt es sich beim Titelhelden doch um eine aus Holz geschnitzte Figur, die auf zauberische Weise zum Leben erwacht. Es gibt Spielfilme, Musicals, einen Horror- (lebendig werdende Puppe, eh klar) und einen Erotikfilm (denken Sie hier an die wachsende Nase, dann leuchtet auch das ein), es gibt Fernseh-Mehrteiler und Endlos-Serien. Die erste Verfilmung stammt aus dem Jahr 1911 und allein seit der Jahrtausendwende entstanden deren elf. Darunter die vollkommen misslungene des grässlichen Roberto Benigni, die auch nicht wirklich gelungene des ansonsten sehr verdienstreichen Matteo Garrone sowie zuletzt die in Disney’schem Sirup absaufende des vor nichts zurückschreckenden Robert Zemeckis, in der zu allem Überfluss auch noch Tom Hanks sein Talent verschwendet; die Chose wird derzeit auf Disney+ verstreamt. Und nun kommt Netflix daher, packt den seinen aus und pisst dem Hort von Harmonie und Familiengedöns derartig ans Bein, dass es lediglich mit einer neuen Hose nicht getan sein wird. Metaphorisch gesprochen. ___STEADY_PAYWALL___</p>
<p>Mit Guillermo del Toro nämlich nimmt sich in Netflixens Auftrag ein Filmemacher des unbotmäßigen Holzkaspers an, der seine Meisterschaft im Genre des Fantastischen niemandem mehr beweisen muss und der zudem bereits mehrfach demonstriert hat, dass das fantastische Element in einem politisch verankerten respektive gesellschaftlich relevanten Kontext mit besonderer Schlagkraft fruchtbar werden kann; genannt seien hier insbesondere <em>El laberinto del fauno</em> (2006) und <em>The Shape of Water</em> (2017; Vertiefung <a href="https://filmfilter.at/themen/essays/sympathische-monster/">hier</a>).</p>
<p><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Guillermo_del_Toro_s_Pinocchio-342250413-large.jpg?resize=550%2C309&#038;ssl=1" class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load alignnone wp-image-9188" data-lazy-src="https://filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Guillermo_del_Toro_s_Pinocchio-342250413-large-300x169.jpg" alt="Toro, Pinocchio" width="550" height="309" /><noscript><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="alignnone wp-image-9188" src="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Guillermo_del_Toro_s_Pinocchio-342250413-large.jpg?resize=550%2C309&#038;ssl=1" alt="Toro, Pinocchio" width="550" height="309" srcset="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Guillermo_del_Toro_s_Pinocchio-342250413-large.jpg?resize=300%2C169&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Guillermo_del_Toro_s_Pinocchio-342250413-large.jpg?resize=1024%2C576&amp;ssl=1 1024w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Guillermo_del_Toro_s_Pinocchio-342250413-large.jpg?resize=770%2C433&amp;ssl=1 770w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Guillermo_del_Toro_s_Pinocchio-342250413-large.jpg?resize=1536%2C864&amp;ssl=1 1536w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Guillermo_del_Toro_s_Pinocchio-342250413-large.jpg?resize=500%2C281&amp;ssl=1 500w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Guillermo_del_Toro_s_Pinocchio-342250413-large.jpg?resize=293%2C165&amp;ssl=1 293w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Guillermo_del_Toro_s_Pinocchio-342250413-large.jpg?resize=1400%2C788&amp;ssl=1 1400w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Guillermo_del_Toro_s_Pinocchio-342250413-large.jpg?resize=390%2C219&amp;ssl=1 390w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Guillermo_del_Toro_s_Pinocchio-342250413-large.jpg?resize=1320%2C743&amp;ssl=1 1320w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Guillermo_del_Toro_s_Pinocchio-342250413-large.jpg?w=1920&amp;ssl=1 1920w" sizes="(max-width: 550px) 100vw, 550px" /></noscript></p>
<p>Tatsächlich bietet ja schon der Ursprungsstoff – den sich 1881 der italienische Journalist und Schriftsteller Carlo Collodi (1826-1890) in Gestalt einer Fortsetzungsgeschichte für eine wöchentlich erscheinende Kinderzeitschrift ausgedacht und 1883 unter dem Titel „Le avventure di Pinocchio“ gesammelt veröffentlicht hatte – zweierlei Lesart. Zunächst ganz simpel die des Kinderbuchs mit pädagogischer Absicht, ein Entwicklungsroman, in dem das chaotische, anarchische Kind zu einem „guten Menschen“ und nützlichen Mitglied der Gesellschaft erzogen wird. Doch gibt der hedonistische kleine Kerl, der nichts lernen will und nicht gehorchen, der lieber in die Welt aufbricht und Unfug treibt, auch erwachsenen Lesern noch genug zu denken: als Narrenfigur, deren Abenteuer der Selbstreflexion und Besinnung recht dienlich sein können. Ganz abgesehen davon, dass Pinocchio auf seinem Weg von der ungebärdigen Holzpuppe zum gehorsamen Jungen eine klassische Heldenreise absolviert, deren zentrales Motiv die Herzensbildung ist.</p>
<p>Das sieht freilich auch del Toro so, nur eben ein klein wenig anders. Der Zurichtung, die Mittel und Ziel konservativer Erziehungsmethoden ist, erteilt er knapp und rasch eine Absage. Schon allein damit, dass er den Erziehungsberechtigten selbst, den Tischler Geppetto, aus der Ecke moralischer Tadellosigkeit heraus- und in eher menschliche Gefilde hineinholt. Betrunken und wütend fällt der Handwerker in einer Gewitternacht über einen Baum her und gerät der Schöpfungsakt zu einem Gefuhrwerke, das an Frankensteins Experiment gemahnt. Mit seinen schief eingeschlagenen Nägeln, grobgeschnitzten Zügen und mit unbegradigter Statur weist der am folgenden Morgen begeistert das Leben am Schopf ergreifende fadenlose Marionettenbub auch das dem Puppenwesen immanente Unheimliche auf – zudem er ein Loch in der Brust hat, in dem es sich eine Grille häuslich eingerichtet hat, bald auch noch ein Ohr verlieren wird und ja, die Füße, wir erinnern uns an das Schicksal der Füße…</p>
<p><iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/Od2NW1sfRdA" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/Od2NW1sfRdA" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></p>
<p>Pinocchios Reise ist kein <em>walk in the park</em>; erst recht nicht insofern del Toro deren Bedingungen weiter verschärft, indem er sie vor dem Hintergrund von Mussolinis Italien ansiedelt und den naiven Helden in den Krieg schickt. Gehorsam, das haben wir aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts gelernt, ist keine Option, wenn man im Faschismus lebt. Und also geht es in diesem <strong><em>Pinocchio</em></strong> um mehr und um anderes als „lediglich“ eine Verwandlung von Holz in Fleisch und Blut, die sich durch gutes Benehmen verdienen lässt. Vielmehr schaut Guillermo del Toro in seinem <em>Pinocchio </em>tief in die Seele der Geschichte, er geht ihr – auf der Fährte Kubricks, der vor ihm (mit <em>Artificial Intelligence</em>, 2001) auch Steven Spielberg folgte – auf den Grund. Er findet im Grauen die Liebe, die alles besiegende. Sie kümmert sich nicht darum, ob einer einen Kopf aus Holz hat, solange er das Herz am rechten Fleck trägt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<div style="font-size: 12px; line-height: 1.9; background-color: #eaeae5; padding: 30px; color: #1e1e1e;"><p><strong>Pinocchio</strong><br />
<strong>USA/MX/FR 2022, Regie</strong> Guillermo del Toro, Mark Gustafson<br />
<strong>Mit den Stimmen von</strong> Ewan McGregor, David Bradley, Gregory Mann<br />
<strong>Laufzeit</strong> 117 Minuten</p>
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		<title>Zu schön um wahr zu sein</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Benjamin Moldenhauer]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 Dec 2022 17:00:25 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Ein Triumph“: Wer sich ein Kinoticket leisten kann, findet Punsch-Alternativen auf Pandora, im Häfn-Theater, mit einer Kindheitssommermelancholie oder unter den Brontë-Schwestern.  Kurz vor Schluss des Jahres kommt noch überraschend einer der schönsten Filme des Jahres in die Kinos: Aftersun ist das Langfilmdebüt der Regisseurin Charlotte Wells und ein bestürzend guter Beitrag zum an Schönheit eh nicht armen Coming-of-Age-Genre. Überraschend, wie sich in der eigentlich recht gelösten Atmosphäre sozusagen subkutan eine Melancholie breitmacht, die sich auf Zuschauerin und Zuschauer überträgt, aber [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><em>„Ein Triumph“: Wer sich ein Kinoticket leisten kann, findet Punsch-Alternativen auf Pandora, im Häfn-Theater, mit einer Kindheitssommermelancholie oder unter den Brontë-Schwestern.  </em></p>
<p>Kurz vor Schluss des Jahres kommt noch überraschend einer der schönsten Filme des Jahres in die Kinos: <strong><em>Aftersun </em></strong>ist das Langfilmdebüt der Regisseurin Charlotte Wells und ein bestürzend guter Beitrag zum an Schönheit eh nicht armen Coming-of-Age-Genre. Überraschend, wie sich in der eigentlich recht gelösten Atmosphäre sozusagen subkutan eine Melancholie breitmacht, die sich auf Zuschauerin und Zuschauer überträgt, aber so, dass man erst nach dem Film und eventuell erst nach zweimal Drüberschlafen merkt, was da vielleicht passiert ist. Unsere Kritik zu <em>Aftersun </em><a href="https://filmfilter.at/themen/kritiken/das-geheimnis-eines-sommers/">finden Sie hier</a>.</p>
<p>Ungebrochen heiter dagegen kommt <strong><em>Ein Triumph</em> </strong>daher, eine weitere Feel-Good-Komödie aus Frankreich, die an den sozialen Rändern spielt und eine Geschichte von Integration und unverhoffter Gemeinsamkeit erzählt. Hier ist es eine Gruppe von Gefängnisinsassen, die gemeinsam mit dem erfolglosen Schauspieler Etienne (Kad Merad, bekannt aus <em>Willkommen bei den Sch&#8217;tis</em>) eine Aufführung von Becketts Stück „Warten auf Godot“ probt. Theaterarbeit als Weg zu Mitmenschlichkeit und Solidarität. Zu schön, um wahr zu sein, aber trotzdem schön.</p>
<p><iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/FSRL0Aa4xgE" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/FSRL0Aa4xgE" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></p>
<p>Ebenfalls zu schön, um wahr zu sein, sind die Landschaften in <strong><em>Avatar: The Way of Water</em></strong>. Weswegen sie auch wieder am Rechner erstellt worden sind und seltsam aseptisch wirken, bei aller Pracht. Wir haben das überraschende, weil eigentlich von niemandem außerhalb der Filmbranche mehr erwartete Sequel zum Anlass für einen <a href="https://filmfilter.at/themen/essays/meersalz-in-der-suppe/">Essay zum Verhältnis von Technik und Naturkitsch</a> in den nunmehr zwei <em>Avatar</em>-Filmen genommen.</p>
<p>Schließlich ein gediegenes Frauenporträt: Die Schauspielerin Frances O&#8217;Connor hat in ihrem Regiedebüt <strong><em>Emily </em></strong>das Leben der Schriftstellerin Emily Brontë mit Emma Mackey in der Titelrolle verfilmt. Leidenschaft in Sturmlandschaften, Selbstbehauptung gegen die zeitgenössische männliche Ignoranz, eine Liebesgeschichte – alles erwartbar, aber filmisch schön gebaut (<a href="https://youtu.be/xaL90sMAzbY" target="_blank" rel="noopener">hier der Trailer</a>).</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Meersalz in der Suppe</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Benjamin Moldenhauer]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 15 Dec 2022 16:00:33 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Avatar 2“: Technikrausch, Zivilisationsfeindlichkeit, Naturmystik, Hippie-Kitsch? Im Wasser verlaufen sich die Widersprüche. James Camerons „Avatar“-Sequelserie ist gekommen, um zu bleiben und viel Geld zu verdienen. Der erste Avatar ließ manche schon 2009 etwas ratlos zurück. Zum Beispiel mich. Im Vorfeld massiv beworben, wurde das knapp dreistündige Spektakel zum bis heute kommerziell erfolgreichsten Film aller Zeiten. Das konnte gelingen, weil Avatar als technische Revolution angekündigt wurde, ungekannte Sensationen in 3D versprach und überhaupt ein Kino darstellen sollte, das es bislang noch [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><em>„Avatar 2“: Technikrausch, Zivilisationsfeindlichkeit, Naturmystik, Hippie-Kitsch? Im Wasser verlaufen sich die Widersprüche. James Camerons „Avatar“-Sequelserie ist gekommen, um zu bleiben und viel Geld zu verdienen.</em></p>
<p>Der erste <em>Avatar</em> ließ manche schon 2009 etwas ratlos zurück. Zum Beispiel mich. Im Vorfeld massiv beworben, wurde das knapp dreistündige Spektakel zum bis heute kommerziell erfolgreichsten Film aller Zeiten. Das konnte gelingen, weil <em>Avatar </em>als technische Revolution angekündigt wurde, ungekannte Sensationen in 3D versprach und überhaupt ein Kino darstellen sollte, das es bislang noch nie gegeben habe. Beim Abspann spätestens drängte sich dann allerdings die Frage auf, ob man nicht irgendwas übersehen hatte. Die Bilder waren nach dem mehrmonatigen Branchenhype und Werbegeschrei ernüchternd. Blaue Figuren schritten steif durch eine verkitschte, knallbunte Natur, Mimik war kaum erkennbar, und im Rückblick wirkt das Ganze wie ein mittelgut animiertes Playstation-4-Game. Aber da alle damals reingelaufen sind, musste irgendwas dran sein.</p>
<p>Der Plot und die Mythen, die <em>Avatar </em>auffährt, können nicht der Grund gewesen sein. James Cameron drechselte ohne erkennbare Bedenken eine an sich schon schlimme Neuauflage des Pocahontas-Mythos mit einer White-Savior-Fantasie und Naturmystik für Doofe zusammen. Ein Soldat, der im Körper eines <em>native american </em>(hier vertreten durch das edle, wissende Naturvolk der Na&#8217;vi) unterwegs ist, um Informationen zu sammeln und die Zerstörung des Unberührten vorzubereiten, wird von einer der edlen Wilden gerettet, verliebt sich und führt am Ende das Naturvolk gegen die kolonialen Streitkräfte der Zivilisation, die hier das eigentlich Barbarische sein soll, in den Krieg. Der Rest des Plots passt auf einen mit dem dicksten Edding beschriebenen Bierdeckel, und so bleibt in <em>Avatar </em>sehr viel Zeit, um mit weitschweifenden Dialogen über Göttinnen, das alles Verbindende der Natur und die Weisheit der von Technik und instrumenteller Vernunft angeblich Verschonten zu räsonieren. Untermalt wird das alles von einer recht quälenden, Enya-artigen Matschmusik. Immerhin ist der Film kürzer als <em>Der mit dem Wolf tanzt</em>.</p>
<p>Ein Rätsel also, dass <em>Avatar</em> so durch die Decke ging. Zumal die technischen Sensationen, die so sensationell dann eben auch nicht waren, sehr schnell wieder verpufften. 3D läuft inzwischen so mit, ist aber nur mehr eine standardisierte Variante von Kino und für die meisten Zuschauer:innen wohl auch nicht die optimale. Vielleicht auch ein Grund, warum der Film nach dem Hype kaum noch Thema war. Lars Schmeinck, Professor für Medienwissenschaft am Institut für Kultur- und Medienmanagement Hamburg und erster Vorsitzender der Gesellschaft für Fantastikforschung, <a href="https://www.tor-online.de/magazin/science-fiction/popkultur-ueber-die-bedeutung-von-avatar" target="_blank" rel="noopener">hat kürzlich noch einmal daran erinnert</a>, dass James Camerons Opus Magnum eigentlich mehr als zehn Jahre lang niemanden mehr wirklich interessiert hat. Verbunden natürlich mit der Frage, warum es ausgerechnet zu diesem Franchise nun doch noch, nach all den Jahren, das Sequel <em>Avatar 2</em> (und die bereits angekündigten Teile drei, vier und fünf) geben muss.</p>
<figure id="attachment_9292" aria-describedby="caption-attachment-9292" style="width: 550px" class="wp-caption alignnone"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-aufbruch-nach-pandora-2009-film-rcm1200x627u.jpg?resize=550%2C287&#038;ssl=1" class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load wp-image-9292" data-lazy-src="https://filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-aufbruch-nach-pandora-2009-film-rcm1200x627u-300x157.jpg" alt="Cameron, Avatar" width="550" height="287" /><figcaption id="caption-attachment-9292" class="wp-caption-text"><noscript><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="wp-image-9292" src="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-aufbruch-nach-pandora-2009-film-rcm1200x627u.jpg?resize=550%2C287&#038;ssl=1" alt="Cameron, Avatar" width="550" height="287" srcset="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-aufbruch-nach-pandora-2009-film-rcm1200x627u.jpg?resize=300%2C157&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-aufbruch-nach-pandora-2009-film-rcm1200x627u.jpg?resize=1024%2C535&amp;ssl=1 1024w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-aufbruch-nach-pandora-2009-film-rcm1200x627u.jpg?resize=770%2C402&amp;ssl=1 770w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-aufbruch-nach-pandora-2009-film-rcm1200x627u.jpg?resize=500%2C261&amp;ssl=1 500w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-aufbruch-nach-pandora-2009-film-rcm1200x627u.jpg?resize=293%2C153&amp;ssl=1 293w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-aufbruch-nach-pandora-2009-film-rcm1200x627u.jpg?resize=390%2C204&amp;ssl=1 390w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-aufbruch-nach-pandora-2009-film-rcm1200x627u.jpg?w=1200&amp;ssl=1 1200w" sizes="(max-width: 550px) 100vw, 550px" /></noscript> Avatar – Aufbruch nach Pandora, 2009, James Cameron</figcaption></figure>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Pandoras Büchse</strong></p>
<p>Bevor wir zu <em>Avatar 2</em> kommen, kann man sich noch einmal vergegenwärtigen, welche Ideologie in <em>Avatar </em>implizit mitschwingt. Ein ideologiekritischer Blick auf Filme hat im filmwissenschaftlichen Diskurs der vergangenen zwei Jahrzehnte sehr an Plausibilität und Glanz verloren. Teils mit Recht: Die Interpretationen gerieten dann doch oft sehr schematisch und sozusagen unfilmisch. Wer aber im Kino sitzt und sich mit Bildern langweilt, die aussehen wie das, was man in den Achtziger- und Neunzigerjahren von diesen Spraydosen-Künstlern auf jedem zweiten Flohmarkt kaufen konnte, muss sich das Geschehen irgendwie interessant machen. Zum Beispiel mit Subtextanalysen.</p>
<p>Klaus Theweleit war 2009 von Camerons Film zwar hörbar erschüttert („Kein Film hat mir je so die Eingeweide umgedreht wie James Camerons <em>Avatar</em>“), aber nicht so sehr von den Bildern selbst – allenfalls „hingerissen“ von einigen Bildpassagen sei er gewesen –, sondern „von dem Gefühl, dass dies so nicht geht“ (<a href="https://www.spiegel.de/kultur/menschliche-drohnen-a-a7a6f0d0-0002-0001-0000-000069277679" target="_blank" rel="noopener">hier sein damaliger Essay</a> im Spiegel-Archiv). Der Film nämlich sei, so Theweleit weiter, „pervers“. Und zwar weil Cameron Technik als Kriegsgerät und Terrorwaffe codiert, gegen die das erdverbundene Gute, Ursprüngliche (Indianer, Ureinwohner – Projektionsflächen aller Art für Angehörige der Kolonisatorenkulturen) sich mit Pfeil und Bogen zur Wehr setzen muss. „Kein einziges dieser Bilder der Schlacht gegen das Böse, gegen die Technologie, wäre möglich ohne die ausgefuchsteste Computertechnologie, die die Welt kennt. Wenn das nicht pervers ist, weiß ich keinen Sinn für dies Wort.“</p>
<p>So kommt, neben den sehr abgestandenen Mythen, die Cameron auffährt (wie gesagt, Pocahontas, Heldenreise, Naturmystik, die selbst einem Alternativmedizin-Workshop in Baden-Württemberg noch zu platt wäre), in <em>Avatar </em>ein gespaltenes Verhältnis zur Technik zum Ausdruck, wie man es in einigen Filmen Camerons findet. In <em>Terminator 2</em> zum Beispiel taucht der Androide gedoppelt, also gespalten auf: einmal als Verfolger, einmal als helfende Vaterfigur. In <em>Titanic </em>ist das Schiff als Wunderwerk der Technik sowohl Ort des Schreckens wie auch ein Objekt der Faszination, nicht nur für die Figuren, sondern auch für den Filmemacher und dementsprechend auch für die Zuschauer:innen.</p>
<p>In <em>Avatar</em> wird die Technik auf der Leinwand dämonisiert und zelebriert. Vielleicht trifft es „Perversion“ dann doch nicht vollends, wenn man Cameron zugesteht, dass in seiner Mythologie unterschieden wird zwischen Technik als Potenzierung von Destruktionsmöglichkeiten (schlecht) und Technik als Mittel der Kreativität, Verbindung und Vermischung (gut). In <em>Avatar </em>tauchte diese Unterscheidung als Gegensatz zwischen Naturverbundenheit und Naturentfremdung auf. Wer erkannte, dass der Wald auf dem Planeten Pandora alles mit allem verbindet und alles eins ist (hier wieder Enya-Musik dazu denken), gehört zu den Guten. Wer nur ans Geld und an den Profit denkt und sich mit Maschinengewalt den Weg zu beidem freischießt, zu den Bösen. Und es ist natürlich richtig, wenn <a href="https://www.perlentaucher.de/im-kino/filmkritik-zu-avatar-the-way-of-water-von-james-cameron.html" target="_blank" rel="noopener">Nicolai Bühnemann in seiner perlentaucher-Kritik</a> bemerkt, dass es in <em>Avatar </em>„letztlich nur um andere, archaische Formen der Naturbeherrschung“ geht (wenn Sie eine Gegenstimme zu unserer Kritik des Films lesen wollen, dann am besten die).</p>
<figure id="attachment_9293" aria-describedby="caption-attachment-9293" style="width: 550px" class="wp-caption alignnone"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-the-way-of-the-water.jpg?resize=550%2C349&#038;ssl=1" class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load wp-image-9293" data-lazy-src="https://filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-the-way-of-the-water-300x190.jpg" alt="Cameron, Avatar 2" width="550" height="349" /><figcaption id="caption-attachment-9293" class="wp-caption-text"><noscript><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="wp-image-9293" src="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-the-way-of-the-water.jpg?resize=550%2C349&#038;ssl=1" alt="Cameron, Avatar 2" width="550" height="349" srcset="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-the-way-of-the-water.jpg?resize=300%2C190&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-the-way-of-the-water.jpg?resize=1024%2C649&amp;ssl=1 1024w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-the-way-of-the-water.jpg?resize=770%2C488&amp;ssl=1 770w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-the-way-of-the-water.jpg?resize=500%2C317&amp;ssl=1 500w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-the-way-of-the-water.jpg?resize=293%2C186&amp;ssl=1 293w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-the-way-of-the-water.jpg?resize=390%2C247&amp;ssl=1 390w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/12/avatar-the-way-of-the-water.jpg?w=1200&amp;ssl=1 1200w" sizes="(max-width: 550px) 100vw, 550px" /></noscript> Avatar: The Way of Water, 2022, James Cameron</figcaption></figure>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Das Sequel, auf das niemand gewartet hat</strong></p>
<p>Wie steigt nun <em>Avatar: The Way of Water </em>fast fünfzehn Jahre später wieder ein? Auf der Ebene der Ideen und Mythen bleibt alles mehr oder weniger gleich. Aber der Film funktioniert doch besser als sein Vorgänger. Was auch wieder mit technischem Fortschritt zu tun hat. Die blauen Indianer haben nun sowas wie Gesichtsmuskulaturen und können lächeln, lachen und weinen, ohne dass man das Gefühl hat, dass gleich einer einen Krampf bekommt. Der Plot ist zwar wieder weitgehend egal und einfach die Schnur, an die dann Krachbumm-Szenen gehängt werden. Aber zumindest funktioniert die Geschichte einer Familie, die ins Exil geht, um den eigenen Stamm zu schützen, halbwegs gut. Schon weil der Film den Willen erkennen lässt, überhaupt eine Geschichte zu erzählen.</p>
<p>Jake Sully (Sam Worthington) sehen wir in diesem Film nur noch in seiner Avatar-Gestalt, als Na&#8217;vi. Der ganze Komplex „Künstlicher Körper“/„Heilwerden durch Kontakt mit dem Anderen“ ist gestrichen. Stattdessen bildet hier die Kleinfamilie auf der Flucht das Zentrum der Geschichte. Die Mittel, die Cameron zur Emotionalisierung verwendet, gehören zu den einfachsten und werden ähnlich subtil in Anschlag gebracht wie in, zum Beispiel, <em>Titanic</em>: Kinder in Gefahr, sorgender Vater, der aber nicht alle retten kann, die Schlachtung dezidiert pazifistischer Wale, einer davon schwanger. Spätestens nach der letztgenannten Szene schwindet auch das letzte Mitleid mit den Soldaten, die, inzwischen ebenfalls in Na&#8217;vi-Gestalt, in der letzten Stunde von den wilden Krieger:innen zerlegt werden. Man soll sich als Zuschauer:in ganz den eigenen Rachephantasien hingeben (hier wieder Enya-Musik dazu denken).</p>
<p>Der weiße Erlöser ist aus der Plot-Konstruktion verschwunden, sowas würde einem Film heute auch nicht mehr ohne Weiteres verziehen. Stattdessen konzentriert sich <em>Avatar 2 </em>auf Mischformen: Mensch-Na&#8217;vi-Hybride, böse Marines, die sich die Körperkraft der Na&#8217;vi aneignen, aber ihre Weisheit nicht sehen können, oder ein Mogli-artiger Menschenjunge, der bei den Wilden aufwächst. Das ist graduell interessanter als die postkolonialen Wahnvorstellungen, die den ersten Teil dominierten, wird am Ende aber eben nur angetippt, weil der Film vor lauter Zeigelust und Opulenz gar nicht weiß, wohin mit seiner Story und seiner Message, die es dann ja leider auch noch braucht. Gerade die Unterwasserbilder sind in ihrer vielleicht unbeabsichtigten Artifizialität und Entkörperlichung wirklich schön. Es sind übrigens nicht wenige; nachdem Jake Sully mit seiner Familie zu einem Stamm, der am Meer lebt, geflohen ist, wird in <em>Avatar 2</em> eigentlich fast nur noch geschwommen und getaucht. Am Ende geht es dann zwar doch wieder nur darum, wer wen zuerst abschlachtet. Aber der lange Anlauf, den der Film zu seinem ebenfalls ausgewalzten Finale nimmt, ist schon faszinierend.</p>
<p>Insofern also ist <em>Avatar 2</em> der gelungenere, weil weniger langweilige Film. Von der Doppelung und Spaltung der Technik als Feind und Faszinosum möchte sich auch <em>The Way of Water </em>nicht verabschieden. Von den nun allerdings kürzer ausgefallenen Monologen über den Zauber und die Kraft der Natur auch nicht. Nun ist es nicht mehr der Wald, sondern das Wasser, das alles verbinden soll, und Walfang ist schlimmste Versündigung an der Natur. Die Szene, als eine der edlen Wilden den Tod eines schwangeren Walweibchens beklagt – sie beide hätten oft zusammen musiziert und sie hätte sich so auf ihr Kind gefreut –, ist einer der vielen Versuche Camerons, so etwas wie menschliche Emotionen in seinen Technikrausch einzuspeisen. Ob das gelingt, muss jede:r selbst beurteilen. Aber der Wille ist da.</p>
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<p>Die Melange aus Zivilisationsfeindlichkeit, die die eigene Eingebundenheit nicht reflektiert, und Naturmystik-Kitsch ergibt letztlich aber etwas hippiesk-dumpf und verblödend Anmutendes. Wo Wale sich einen pazifistischen Ehrenkodex auferlegen und Eingeborene ihre Rastazöpfe kabelartig in die Antennen von quietschbunten Tieren stecken, um so verbunden mit allem in den Krieg gegen die geldgeilen Zivilisierten zu ziehen, in einem Film, dessen erster (wenn auch vielleicht nicht letzter) Zweck es ist, möglichst viel Geld zu machen – an diesem Ort ist das Denken zu Ende. Man kann sich also einfach der Faszination hingeben, die diese Bilder ausstrahlen mögen. Oder man lässt es und spart sich auch Teil drei, vier und fünf. Nicht zuletzt faszinierend ist auch an <em>Avatar: The Way of Water </em>wieder die Gleichzeitigkeit von maximalem Aufwand und einer geradezu bedrückenden Banalität.</p>
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		<title>Zu schön um wahr zu sein</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Dec 2022 14:00:43 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Drei Winter“: Wer kein Geld für Geschenke hat, sich aber ein Kinoticket leisten kann, findet Punsch-Alternativen zwischen Pandora, Tundra, Schweizer Berglandschaft und Kindheitssommermelancholie. Kurz vor Schluss des Jahres kommt noch überraschend einer der schönsten Filme des Jahres in die Kinos: Aftersun ist das Langfilmdebüt der Regisseurin Charlotte Wells und ein bestürzend guter Beitrag zum an Schönheit eh nicht armen Coming-of-Age-Genre. Überraschend, wie sich in der eigentlich recht gelösten Atmosphäre sozusagen subkutan eine Melancholie breitmacht, die sich auf Zuschauerin und Zuschauer [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><em>„Drei Winter“: Wer kein Geld für Geschenke hat, sich aber ein Kinoticket leisten kann, findet Punsch-Alternativen zwischen Pandora, Tundra, Schweizer Berglandschaft und Kindheitssommermelancholie. </em></p>
<p>Kurz vor Schluss des Jahres kommt noch überraschend einer der schönsten Filme des Jahres in die Kinos: <strong><em>Aftersun </em></strong>ist das Langfilmdebüt der Regisseurin Charlotte Wells und ein bestürzend guter Beitrag zum an Schönheit eh nicht armen Coming-of-Age-Genre. Überraschend, wie sich in der eigentlich recht gelösten Atmosphäre sozusagen subkutan eine Melancholie breitmacht, die sich auf Zuschauerin und Zuschauer überträgt, aber so, dass man erst nach dem Film und eventuell erst nach zweimal Drüberschlafen merkt, was da vielleicht passiert ist. Unsere Kritik zu <em>Aftersun </em><a href="https://filmfilter.at/themen/kritiken/das-geheimnis-eines-sommers/">finden Sie hier</a>.</p>
<p>Ungebrochen heiter dagegen kommt <strong><em>Ein Triumph</em> </strong>daher, eine weitere Feel-Good-Komödie aus Frankreich, die an den sozialen Rändern spielt und eine Geschichte von Integration und unverhoffter Gemeinsamkeit erzählt. Hier ist es eine Gruppe von Gefängnisinsassen, die gemeinsam mit dem erfolglosen Schauspieler Etienne (Kad Merad, bekannt aus <em>Willkommen bei den Sch&#8217;tis</em>) eine Aufführung von Becketts Stück „Warten auf Godot“ probt. Theaterarbeit als Weg zu Mitmenschlichkeit und Solidarität. Zu schön, um wahr zu sein, aber trotzdem schön.</p>
<p><iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/FSRL0Aa4xgE" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/FSRL0Aa4xgE" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></p>
<p>Auch lustig: die Komödie <strong><em>Sibirisch für Anfänger</em></strong>. Die aber ihre Geschichten, es sind mehrere, nicht ungebrochen erzählt. „Sieben tragikomische Geschichten in lakonischer Tonlage setzen Stepan Burnashev und Dmitry Davydov, die den Film auch geschrieben und produziert haben, irgendwo in der Tundra in Szene, sozusagen für jeden Tag in der Woche eine, doch so etwas wie Sonntagsfrieden will sich in keiner von diesen einstellen“, <a href="https://filmfilter.at/kolumnen/brief-aus-berlin/ein-woenziger-schluck/">schreibt filmfilter-Autorin Alexandra Seitz über den Film</a>: „Denn in Sibirien ist es bekanntlich bitterbitterkalt und man muss sich wärmen, am besten von innen und bevorzugt mit Wodka.“</p>
<p>Dann wieder zu schön, um wahr zu sein, sind die Landschaften in <strong><em>Avatar: The Way of Water</em></strong>. Weswegen sie auch wieder am Rechner erstellt worden sind und seltsam aseptisch wirken, bei aller Pracht. Wir haben das überraschende, weil eigentlich von niemandem erwartete Sequel zum Anlass für einen <a href="https://filmfilter.at/themen/essays/meersalz-in-der-suppe/">Essay zum Verhältnis von Technik und Naturkitsch</a> in den inzwischen zwei <em>Avatar</em>-Filmen genommen.</p>
<p>Ein realistischeres Bild des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur bietet der Schweizerische Beitrag zum jüngsten Berlinale-Wettbewerb <strong><em>Drei Winter</em></strong>. Eine karge Berglandschaft, grobschlächtige Bauern, Kühe, die man schlachtet, wenn sie nicht trächtig werden, und ein Tumor im Kopf. Michael Kochs <em>Drei Winter</em> entwickelt im letzten Drittel spätestens eine ausgeprägte Zärtlichkeit und setzt so dem rohen (aber nicht verrohten) Naturverhältnis so etwas wie Hoffnung entgegen.</p>
<p><iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/YmvrfdWANz8" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/YmvrfdWANz8" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></p>
<p>Nur wenige Wochen nach <em>Meinen Hass bekommt ihr nicht</em>, kommt ein weiterer Film, der das Attentat im Pariser Club Bataclan am 13. November 2015 zum Ausgangspunkt für seine Geschichte nimmt. In Isaki Lacuestas Film <strong><em>Frieden, Liebe und Death Metal</em></strong> geht es um zwei Überlebende des Anschlags, die nach dem Terror wieder versuchen zurück ins Leben zu finden. Lohnt sich schon wegen der Schauspielerin Noémie Merlant (<em>Porträt einer jungen Frau in Flammen</em>,<em> Wo in Paris die Sonne aufgeht</em>).</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Handlungsarme Netflix-Hits</title>
		<link>https://filmfilter.at/sofa-surfer/handlungsarme-netflix-hits/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Benjamin Moldenhauer]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 09 Dec 2022 12:30:42 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Tim Burtons Miniserie „Wednesday“, Mike Flanagans „The Midnight Club“ und das CGI-Spektakel „Troll“ haben etwas gemeinsam: Plot egal, Herz am rechten Fleck, jugendlich-nostalgischer Netflix-Hit-Style. Das ging schnell und war doch recht überraschend: Kurz nach Start war Wednesday, die erste Netflix-Produktion von Tim Burton, der zuletzt nicht gerade filmische Großtaten fabriziert hat, eine der fünf erfolgreichsten Serien des Streaming-Portals bislang. Der Achtteiler bringt es auf über 800 Millionen Streaming-Stunden, über 100 Millionen Haushalte haben sich das bislang angeschaut. Da drängt sich [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><em>Tim Burtons Miniserie „Wednesday“, Mike Flanagans „The Midnight Club“ und das CGI-Spektakel „Troll“ haben etwas gemeinsam: Plot egal, Herz am rechten Fleck, jugendlich-nostalgischer Netflix-Hit-Style. </em></p>
<p>Das ging schnell und war doch recht überraschend: Kurz nach Start war <strong><em>Wednesday</em></strong>, die erste Netflix-Produktion von Tim Burton, der zuletzt nicht gerade filmische Großtaten fabriziert hat, eine der fünf erfolgreichsten Serien des Streaming-Portals bislang. Der Achtteiler bringt es auf über 800 Millionen Streaming-Stunden, über 100 Millionen Haushalte haben sich das bislang angeschaut. Da drängt sich die Frage auf, warum gerade eine Fortschreibung des eigentlich ja sehr verblichenen <em>Addam&#8217;s Family</em>-Franchise so durch die Decke geht. Die einfachste Antwort ist, dass es <em>Wednesday </em>gelingt, zwei der erfolgversprechendsten Komponenten des fantastischen Films, der für (nahezu) alle Altersstufen ab 12 aufwärts funktionieren soll, zusammenzubringen.</p>
<p>Die Titelheldin (Jenna Ortega) wird von ihren Eltern, Gomez und Morticia A. Addams, in ein Außenseiter-Internat gesteckt, das als Mikrokosmos ähnlich wie Hogwarts eine Mischung aus Elite-Institution, Highschool und magischem Paralleluniversum darstellt. „Nevermore“, Edgar Allan Poe soll ebenfalls hier zur Schule gegangen sein. Zum Topos der fantastischen Lehranstalt, die seit Harry Potter immer wieder im Genre auftaucht, kommt – wie bei <em>Stranger Things</em> – eine über verschiedene Kanäle evozierte Nostalgie, die dann auch und vor allem ältere Zuschauer:innen kriegt. Das wäre in diesem Fall zuvorderst das Tim-Burton-Universum. Burton schließt mit <em>Wednesday </em>wieder an seine früheren großen Außenseiter-Erzählungen an (<em>Edward mit den Scherenhänden</em>, <em>Ed Wood</em> und zuletzt <em>Die Insel der verlorenen Kinder</em>), nachdem seine Filme zuletzt etwas irrlichternd und entstofflicht gewirkt hatten.</p>
<p><iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/Q73UhUTs6y0" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/Q73UhUTs6y0" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></p>
<p>Die Außenseiterin ist hier eine, die die weit verbreiteten Makel des schief in die Welt gestellten Menschen (Unwohlsein in vielen sozialen Situationen, erschwerter Zugang zu den eigenen Gefühlen, Autismus-artige Züge, strahlende Intelligenz) in Waffen, Qualitäten und Wortwitz verwandelt hat. Das scheint das zentrale Faszinosum der Serie zu sein, zumindest auf der Ebene der Figuren. Soziopathie als Superkraft.</p>
<p><em>Wednesday</em> bezieht einen Großteil seiner Anziehungskraft aus seiner Atmosphäre, wohliger Retromania und seiner Heldinnenfigur. Vergleichsweise egal scheinen ein sauber konstruierter Plot, Spannung oder gar überraschende, plausible Wendungen zu sein. Damit reiht sich die Serie in eine ganze Reihe jüngerer Produktionen ein, die allesamt nicht mehr <em>plot driven</em>, sondern <em>character driven</em> wirken. Nicht in dem ursprünglichen Sinne des Begriffes, dass es hier um Figurenpsychologie und Empathie ginge. <em>Character driven</em> heißt in diesem Fall, dass die Hauptfiguren die Serien tragen müssen, während man nach einer Folge schon mal Probleme hat, die Story zusammenzufassen. Nicht weil sie so kompliziert wäre, sondern weil sie so egal ist, letzten Endes. Ins Zentrum rücken denkwürdige Oneliner, einzelne Situationen und Sequenzen (der Hashtag #wednesdaydance ging schon mal viral) und meme-taugliche Dialogzeilen. Ähnliches kann man jüngst auch an Mike Flanagans Gruselgeschichtenerzählclub <strong><em>Gänsehaut um Mitternacht </em></strong>beobachten.</p>
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<p>Oder man bemerkt es beim norwegischen Film <strong><em>Troll</em></strong>, dessen Kernidee im Titel schon recht komplett enthalten ist, dessen Regisseur Roar Uthaug allerdings zuallererst auf Materialschlacht setzt. Ein Troll kommt aus den norwegischen Bergen, haut die anrückende Armee kaputt und marschiert auf Oslo zu. Wieder sind es Sonderlinge – eine Paläontologin (Ine Marie Wilmann), ihr verschwörungstheorieaffiner Vater (Gard B. Eidsvold) und ein nerdiger Regierungsbeamter (Kim Falck) –, die die Lage klären, wo der militärisch-industrielle Komplex umgehend versagt.</p>
<p>Das eine ist das vergleichsweise hübsche, aber auch nicht weltbewegende CGI-Spektakel, das <em>Troll </em>auffährt. Sehr schön aber ist, wie hier gängige Topoi des latent woken Fantasy-Kinos angetippt werden. Der Troll ist verbunden mit der kolonialen Vergangenheit der eigenen herrschenden Klasse, das Monster ist moralisch im Recht; auch in <em>Wednesday </em>kehrt die unter der polierten Oberfläche der Normalität verborgene Gewaltgeschichte der eigenen Gesellschaft wieder zurück, hervorgeholt von grenzüberschreitenden Outsider-Figuren, die mehr und anderes sehen als die Normalen. <em>Troll </em>wird man nach dem Sehen schnell wieder vergessen haben, aber das ist nicht schlimm, in diesem Fall. Für anderthalb Stunden trägt der schöne Radau ohne Weiteres, und das Herz am rechten Fleck hat er auch.</p>
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<p>Nächste oder übernächste Woche widmen wir uns an dieser Stelle der vorzeitig abgesetzten Science-Fiction-Westernserie <strong><em>Westworld</em></strong>, deren vierte Season nun leider die finale wird.</p>
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		<title>Ninjababy</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Roman Scheiber]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 08 Dec 2022 16:30:02 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„She Said“: Neben „Ninjababy“ läuft Weinsteins Fall in Österreichs Kinos an. Dazu vereinzelte Vorführungen von „Nelly &#38; Nadine“. Von Benjamin Moldenhauer und Roman Scheiber. Die Kinowoche beginnt mit dem Film zur Bewegung, die die von Männern dominierte Kinolandschaft erschüttert hat wie eigentlich keine politische Initiative zuvor. Das Metoo-Movement berührte einen Kern des Produktionszusammenhangs, in dem Filme leider nach wie vor entstehen, trotz aller graduellen Fortschritte: die Ausbeutung weiblicher Körper vor und hinter der Kamera. Überraschenderweise hat nun die deutsche Regisseurin [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><em>„She Said“: Neben „Ninjababy“ läuft Weinsteins Fall in Österreichs Kinos an. Dazu vereinzelte Vorführungen von „Nelly &amp; Nadine“. Von Benjamin Moldenhauer und Roman Scheiber.<br />
</em></p>
<p>Die Kinowoche beginnt mit dem Film zur Bewegung, die die von Männern dominierte Kinolandschaft erschüttert hat wie eigentlich keine politische Initiative zuvor. Das Metoo-Movement berührte einen Kern des Produktionszusammenhangs, in dem Filme leider nach wie vor entstehen, trotz aller graduellen Fortschritte: die Ausbeutung weiblicher Körper vor und hinter der Kamera. Überraschenderweise hat nun die deutsche Regisseurin Maria Schrader die Geschichte der Enthüllung der nahezu systematischen Vergewaltigungen durch den Filmproduzenten Harvey Weinstein, welche die Bewegung maßgebend auf Touren brachte, verfilmt. Ihr Film basiert auf dem Buch „She said. Breaking the Sexual Harassment Story That Helped Ignite a Movement“ der New-York-Times-Journalistinnen Jodi Kantor (Zoe Kazan) und Megan Twohey (Carey Mulligan). <strong><em>She Said </em></strong>reiht sich in eine ehrenwerte Tradition der Filme um heldenhafte Journalisten ein, von <em>Die Unbestechlichen </em>bis<em> Spotlight</em>. Aber <em>She Said </em>traut sich auch, Leerstellen zu lassen, wo der Film es sich einfacher hätte machen können. Harvey Weinstein taucht als Figur nur kurz auf und wird ausschließlich von hinten gefilmt, eine Vergewaltigung ist – fast schon selbstverständlich in diesem Fall – nicht auf der Leinwand zu sehen.</p>
<p><em> <iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/i5pxUQecM3Y" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/i5pxUQecM3Y" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></em></p>
<p><em>She Said </em>schafft Klarheit und weiß, was falsch und was richtig ist: Das Problem ist hier nicht, die Wahrheit zu finden, das Problem ist, sie durchzusetzen. In der bereits bei der vorigen Berlinale akklamierten Dramödie <em><strong>Ninjababy</strong></em>, frech inszeniert von der Norwegerin Yngvild Sve Flikke, herrscht dagegen Unsicherheit. Die Website 1000things.at schreibt dazu: „Basierend auf der ebenfalls norwegischen Graphic Novel, erzählt der Film die Geschichte der 23-jährigen Rakel, die mit der Zeit Veränderungen an und in ihrem Körper bemerkt. Als sie, nur um sicherzugehen, einen Schwangerschaftstest macht, stellt sich heraus, sie ist bereits im sechsten Monat. Schon vor der Schwangerschaft wusste sie nicht so wirklich, was sie mit ihrem Leben anfangen will – eine Schwangerschaft war aber definitiv nicht ihr Plan. Der Film begleitet sie dabei, wie sie sich langsam aber doch mit der Situation auseinandersetzen muss.“ <a href="https://stadtkinowien.at/film/ninjababy/" target="_blank" rel="noopener">Hier</a> geht es z.B. zu den Spielzeiten und Tickets im Wr. Stadtkino.</p>
<p><iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/Ki-hOorYsKo" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/Ki-hOorYsKo" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></p>
<p>Dazu das kaum glaubliche Dokument einer Liebe, nämlich der belgischen Opernsängerin Nelly Mousset-Vos und der chinesischen Widerstandskämpferin Nadine Hwang, die sich am Heiligen Abend 1944 als Gefangene im KZ Ravensbrück ineinander verlieben. Der Dokumentarfilm <strong><em>Nelly &amp; Nadine</em></strong> erzählt diese Liebesgeschichte, die das Kino nicht besser erfinden könnte. Kurz vor dem Ende des Krieges werden die Frauen voneinander getrennt, finden aber wieder zusammen und verbringen den Rest ihres Lebens gemeinsam. Jahrelang halten sie ihre Liebesgeschichte geheim, sogar vor engen Familienmitgliedern. Doch zum Glück hat Nellys Enkelin Sylvie beschlossen, das lange verschlossene Privatarchiv zu öffnen.</p>
<p><iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/mR1yLAUffxk" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/mR1yLAUffxk" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></p>
<p>Und noch ein Kinderfilm: Michael Krummenachers Verfilmung von Otfried Preußlers Kinderbuchklassiker <strong><em>Der Räuber Hotzenplotz</em> </strong>modernisiert die Geschichte, ohne dass es aufgesetzt wirken würde und reiht sich so in eine Reihe jüngerer Klassiker-Neuverfilmungen ein (<em>Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer</em>, <em>Der junge Häuptling Winnetou</em>). Nichts Umwerfendes, aber für einen Sonntagnachmittagskinobesuch reicht es auf jeden Fall.</p>
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		<title>Weißes Rauschen</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Dec 2022 16:00:26 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„She Said“: Neben Weinsteins Fall wurde auch DeLillos Weißes Rauschen fürs Kino adaptiert. Dazu läuft u.a. der neue Film der von uns verehrten Mia Hansen-Løve an. Die Kinowoche beginnt mit dem Film zur Bewegung, die die von Männern dominierte Kinolandschaft erschüttert hat wie eigentlich keine politische Initiative zuvor. Das Metoo-Movement berührte einen Kern des Produktionszusammenhangs, in dem Filme leider nach wie vor entstehen, trotz aller graduellen Fortschritte: die Ausbeutung weiblicher Körper vor und hinter der Kamera. Überraschenderweise hat nun die [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://filmfilter.at/kinovorschau/weisses-rauschen/">Weißes Rauschen</a> erschien zuerst auf <a href="https://filmfilter.at">filmfilter</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><em>„She Said“: Neben Weinsteins Fall wurde auch DeLillos Weißes Rauschen fürs Kino adaptiert. Dazu läuft u.a. der neue Film der von uns verehrten Mia Hansen-Løve an.</em></p>
<p>Die Kinowoche beginnt mit dem Film zur Bewegung, die die von Männern dominierte Kinolandschaft erschüttert hat wie eigentlich keine politische Initiative zuvor. Das Metoo-Movement berührte einen Kern des Produktionszusammenhangs, in dem Filme leider nach wie vor entstehen, trotz aller graduellen Fortschritte: die Ausbeutung weiblicher Körper vor und hinter der Kamera. Überraschenderweise hat nun die deutsche Regisseurin Maria Schrader die Geschichte der Enthüllung der nahezu systematischen Vergewaltigungen durch den Filmproduzenten Harvey Weinstein, welche die Bewegung maßgebend auf Touren brachte, verfilmt. Ihr Film basiert auf dem Buch „She said. Breaking the Sexual Harassment Story That Helped Ignite a Movement“ der New-York-Times-Journalistinnen Jodi Kantor (Zoe Kazan) und Megan Twohey (Carey Mulligan). <strong><em>She Said </em></strong>reiht sich in eine ehrenwerte Tradition der Filme um heldenhafte Journalisten ein, von <em>Die Unbestechlichen </em>bis<em> Spotlight</em>. Aber <em>She Said </em>traut sich auch, Leerstellen zu lassen, wo der Film es sich einfacher hätte machen können. Harvey Weinstein taucht als Figur nur kurz auf und wird ausschließlich von hinten gefilmt, eine Vergewaltigung ist – fast schon selbstverständlich in diesem Fall – nicht auf der Leinwand zu sehen.</p>
<p><em> <iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/i5pxUQecM3Y" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/i5pxUQecM3Y" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></em></p>
<p><em>She Said </em>schafft Klarheit und weiß, was falsch und was richtig ist: Das Problem ist hier nicht, die Wahrheit zu finden, das Problem ist, sie durchzusetzen. In Noah Baumbachs Don-DeLillo-Verfilmung <strong><em>Weißes Rauschen </em></strong>hingegen ergreift fundamentale Verwirrung die Figuren und wahrscheinlich auch Zuschauerin und Zuschauer. Der Universitätsprofessor Jack Gladney (Adam Driver), der, obwohl des Deutschen nicht mächtig, sehr erfolgreich zu Adolf Hitler forscht, wird von einer unbestimmten Todesangst geplagt, die ihn und seine (vierte) Ehefrau (Greta Gerwig) in die Drogensucht treibt. Was genau das alles soll, man kann es in vielerlei Hinsicht nur ahnen. Klar ist, dass Don DeLillo – oft als neben Thomas Pynchon wichtigster Postmodernist der US-Literatur angesehen – eine recht gründliche Zerlegung des amerikanischen Middle-Class-Menschen der Achtzigerjahre geschrieben hat. Und Noah Baumbach tut es ihm jetzt, fast vierzig Jahre später, mit seinem Netflix-Film <em>White Noise</em> nach.</p>
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<p>Mia Hansen-Løve ist spätestens seit <em>Alles was kommt </em>und<em> Eden </em>eine der genauesten filmischen Beobachterinnen von Lebensschicksalen zur Zeit. Mit <em>Bergman Island </em>hat sie zuletzt außerdem <a href="https://filmfilter.at/themen/essays/den-dreh-finden/">eine tiefgreifende Reflexion</a> des Verhältnisses von Film und Leben geschaffen. In ihrem neuen Film <strong><em>An einem schönen Morgen </em></strong>spielt Lea Seydoux eine junge Witwe, die als alleinerziehende Mutter in Paris zwischen Beruf und dem Leben mit Kindern klarkommen muss. Hansen-Løve ist damit zum autobiografisch gefärbten Biografie-Kino zurückgekehrt, das im französischen Bildungsbürgertum spielt, ohne Metaebene und reflexiven Bruch.</p>
<p>Zu <em>An einem schönen Morgen</em> ist das Sequel zum Low-Budget-Überraschungshit <em>Terrifier</em>, <strong><em>Terrifier 2</em></strong>, eine rigorose Antithese, eine fürchterliche Sauerei nämlich. Alles da, minutenlange Gore-Szenen, sorgloser Umgang mit Gewaltinszenierungen, Berichte von Ohnmachtsanfällen und Fluchtimpulsen im Publikum. Läuft in ausgewählten Kinos und scheint tatsächlich noch einmal, auch nach über einem halben Jahrhundert weitgehend entgrenzten Splatterkinos, einen unangenehmen Punkt zu berühren. Nicht psychisch-subtil, sondern ganz direkt und körperlich.</p>
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<p>Zur Erholung von Terrifier noch ein filmisches Zeugnis von Freundlichkeit und Menschenliebe. Die Titelheldin von Semir Arslanyüreks und Kazım Öz&#8216; Film <strong><em>Elif Ana </em></strong>(Aliye Uzunatağan) unterstützt mit selbstverständlicher Güte die Kranken und die Menschen, die in Not sind. Sie droht zu erblinden, und auf der Fahrt ins Krankenhaus nach Ankara zieht ihr Leben an ihr (und an den Augen des Publikums) vorbei. <em>Elif Ana</em> ist ein berührendes, vollkommen unprätentiöses Drama.</p>
<p>Zum Schluss der Kinderfilm der Woche: Michael Krummenachers Verfilmung von Otfried Preußlers Kinderbuchklassiker <strong><em>Der Räuber Hotzenplotz</em> </strong>modernisiert die Geschichte, ohne dass es aufgesetzt wirken würde und reiht sich so in eine Reihe jüngerer Klassiker-Neuverfilmungen ein (<em>Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer</em>, <em>Der junge Häuptling Winnetou</em>). Nichts Umwerfendes, aber für einen Sonntagnachmittagskinobesuch reicht es auf jeden Fall.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://filmfilter.at/kinovorschau/weisses-rauschen/">Weißes Rauschen</a> erschien zuerst auf <a href="https://filmfilter.at">filmfilter</a>.</p>
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