Serienfilter Herbst 2022

Der Blockbuster-Sommer geht auf dem kleinen Bildschirm weiter.

rings of power, Morfydd Clark
The Lord of the Rings: The Rings of Power, 2022–, Patrick McKay, John D. Payne

Während im Kino die „Award Season“ anbricht, geht daheim der Blockbuster-Sommer weiter. Wir schauen voraus, welche Herbstserien die Straßen fegen sollen: Im Hause Sky ist das GoT-Prequel „House of the Dragon“ gestartet, Amazon bringt „Lord of the Rings“ seriell runderneuert ins Wohnzimmer, das ehemalige Maus-Haus Disney setzt auf die Expansion des „Star Wars“-Universums und die Queen hält wieder Hof im Hause Netflix. Unser Serienfilter für den Herbst von Marietta Steinhart und Roman Scheiber.

 

House of the Dragon

Das Ende war nicht perfekt, aber die letzte Season von Game of Thrones hat vor drei Jahren einen Krater in so manchem Herzen zurück gelassen. Es wird keine Wiederholung des Finales geben (wie sich das viele Fans gewünscht haben), doch als Ersatzbefriedigung ist soeben das Prequel House of the Dragon erschienen – inklusive sehr vieler, sehr imposanter CGI-Drachen und Killer-Krabben (hier eine Drachenszene aus GoT). Es wäre auch nicht GoT ohne Inzest, nackte Haut und mehr als nur ein Hauch von Gewalt. Die ersten Reaktionen sind vielversprechend. Prinzessin Rhaenyra (Milly Alcock und später Emma D’Arcy) ist die neue Drachenkönigin: Sie liebt es die Tierchen zu reiten, sie hat Sex wann und mit wem sie will; sie möchte ihr Leben nicht als Gebärmaschine verbringen und schielt auf den Iron Throne. Dies ist eine Geschichte darüber, was es bedeutet, kein Mann in einem patriarchalen System zu sein. Vielleicht schafft es diesmal eine Frau auf das eiserne Ding? Ein Erfolg würde erreichen, was heutzutage offenbar jedes Franchise leisten soll: Nachfolger hervorbringen. (aufbauende Folgen ab 22. August, Sky)

 

Andor

„Es ist eine sehr paranoide Welt.“ So hat Showrunner Tony Gilroy die Star Wars-Serie Andor beschrieben. Gilroy hat die ersten vier Bourne-Thriller geschrieben, Verschwörungen gehören also zu seinem Markenzeichen. ___STEADY_PAYWALL___Im Fall von Andor ist die Paranoia dem Plot quasi eingeschrieben: Wer kann schon gut schlafen, während er eine Revolution aufbaut? Der mexikanische Schauspieler Diego Luna, bekannt aus Alfonso Cuaróns Y tu mamá también, spielt den titelgebenden Rebellen auf dem Höhepunkt der Macht des Imperiums. Das Publikum erwartet fast schon verwirrend viele Figuren und galaktische Wendungen. Und das Creature Department hatte auch wieder ordentlich zu tun. Die Serie besteht aus zwölf Episoden und spielt fünf Jahre vor den Ereignissen von Rogue One (2016) – jenem Film, der oft als beste Verbindung des alten mit dem neuen Star-Wars-(Franchise-)Imperium gesehen wurde. (3-Episoden-Premiere, 21. September, Disney+)

The Lord of the Rings: The Rings of Power

Das Haus Jeff Bezos von Amazon hat bekanntlich keine Kosten gescheut, um uns einen Trip zurück nach Mittelerde zu organisieren. Rekordverdächtige 465 Millionen US-Dollar legte man allein für die erste Saison hin. Dies, obwohl aus rechtlichen Gründen keine der Hauptfiguren von Peter Jacksons LOTR vorkommen darf. Also hat Amazon, was man durchaus smart finden kann, seine Prestige-Serie gleich einige tausend Jahre vor den Ereignissen in J.R.R. Tolkiens Büchern datiert. Der Spanier J.A. Bayona (The Orphanage) führte bei den ersten beiden Folgen Regie, was hoffen lässt, dass es sich um eine der interessanteren Herbstserien handelt. Erwarten dürfen wir Elfen, Menschen und Harfoots – ein Stamm von Hobbits. (2. September, Prime Video)

 

Pistol

Und nun genug des Mittelalter-Mittelerde-Mittelsteinzeit-Mittelzukunftskrams. Obwohl die Sex Pistols nur zweieinhalb Jahre zusammen waren, haben sie es geschafft, zu einer der bahnbrechendsten britischen Punk-Bands zu werden. Die sechsteilige Miniserie von Danny Boyle schmeißt nun die Mythologisierungs-Maschine wieder an – wahrscheinlich einer der Gründe, warum enfant terrible John Lydon alias Johnny Rotten das Projekt nicht gut geheißen hat. Ein anderer ist die Tatsache, dass die Geschichte der Anti-Establishment-Band ausgerechnet von Disney erzählt wird, einem Konzern, der Jahrzehnte lang die Sehnsüchte konservativer oder, wenn man so will, „spießiger“ Bevölkerungsschichten bedient hat. So radikal wie Boyles Junkie-Meisterwerk Trainspotting ist Pistol zwar nicht, brav allerdings auch nicht. (28. September, Disney+)

 

The Walking Dead, S11C

Das AMC-Zombie-Drama kehrt noch einmal mit dem „C“ genannten dritten Teil der elften und letzten Season zurück. Es ist nun also tatsächlich der Anfang vom Ende jener Originalserie, die 2010 mit Andrew Lincolns Rick Grimes und ein paar Überlebenden einer von Frank Darabont erdachten Zombie-Apokalypse begann. Nach knapp zehn Jahren ist die filmfilter-Autorin ausgestiegen, aber immer wenn The Walking Dead besonders gut war, handelte die Serie nicht zuvörderst von Zombies, sondern war eine brillante, blutbespritzte Zerlegung menschlicher Schwächen. Die Mutterserie hat inzwischen sechs Spin-offs ausgebrütet. Es ist also nur ein Quasi-Abschied. (3. Oktober, Disney+)

 

The Midnight Club

Der fantastische Mike Flanagan, der zuletzt Doctor Sleep fürs Kino adaptiert hat, kehrt heuer mit The Midnight Club zurück. Basierend auf dem Teen-Horror-Roman von Christopher Pike geht es in der Serie um eine Gruppe todkranker Teenager, die in einem Hospiz leben und einander um Mitternacht Gruselgeschichten erzählen. Angesichts der Brillanz seiner anderen Netflix-Serien The Haunting of Hill House, The Haunting of Bly Manor (hier weitere lesbische Horrorstories im Netflix-Mainstream) und Midnight Mass setzen wir große Hoffnungen in diese Produktion. Cherry on top: Horrorlegende Heather Langenkamp aus A Nightmare on Elm Street spielt die Ärztin. (7. Oktober, Netflix)

 

Willow

Wir müssen zugeben, dass uns schon der Trailer von Willow die Tränen in die Augen getrieben hat. Es ist fantastisch, Warwick Davis wieder als Willow Ufgood zu sehen, als zaubernden Zwergenbauer, der eine Gruppe märchenhafter Helden zur Rettung ihrer Welt führt. Val Kilmer als Schwert-schwingender Söldner wird jedoch schmerzlich vermisst werden. Die TV-Serie spielt viele Jahre nach den Ereignissen des 1988er Fantasy-Kultfilms, dessen Geschichte George Lucas ersann. Der Regisseur des Ursprungsfilms, Ron Howard – jüngst auf Netflix mit dem packenden Überlebensdrama Thirteen Lives präsent – hat mitproduziert. (30. November, Disney+)

 

Souls

Nach all den Remakes, Sequels und Prequels ist es erfrischend, zur Abwechslung eine Originalserie zu sehen. Im Kern des deutschen Mystery-Achtteilers von Alex Eslam stehen drei Frauen, deren Leben aus den Fugen gerät, als der Sohn einer der drei einen Autounfall hat; danach behauptet er nämlich, sich an ein früheres Leben als Pilot einer verschollenen Passagiermaschine zu erinnern. Allie, gespielt von der Österreicherin Julia Koschitz, ist die Frau des Piloten und in einer Zeitschleife gefangen. Die opulente Musik und die Drehbücher der Serie wurden heuer beim Serien-Festival Canneseries ausgezeichnet. (November, Sky)

 

Babylon Berlin, S4

Die deutsche Mega-Produktion – eine der ersten Prestigeproduktionen von Sky Deutschland – war schon immer eine lässige Vintage-Serie voller plastischer, gut geschriebener Figuren, die einem leicht ans Herz wuchsen und die in einer wunderschön nachgestellten, fieberhaften Welt lebten. Diese Welt drohte von Anfang an zusammen zu brechen, und man wusste, ihr Kollaps würde schließlich zum Aufstieg der Nazis führen. Davon erzählt nun die vierte Staffel (weitere Infos hier), die natürlich wieder auf einem Roman von Volker Kutscher basiert; diesmal handelt es sich um „Goldstein“. Nach der Ausstrahlung im Bezahlfernsehen wird die Krimi-Serie auch im Ersten zu sehen sein. (8. Oktober, Sky)

babylon berlin S4, fries
Babylon Berlin, 2017–, Henk Handloegten, Tom Tykwer, Achim von Borries

 

The Crown, S5

Nach der brillant brutalen Zerlegung der Ehe von Charles und Diana in der vorigen Saison erwartet die globale Schlüssellochguckgemeinde ein weiteres, wahrscheinlich prächtiges Kapitel im Leben der englischen Royals. Bis jetzt hat Peter Morgan das seltene Kunststück vollbracht, dass sein Drama – eine gewagte Mischung aus realer Gesellschaftspolitik und fantasievoller Figuren-Zuspitzung – mit jedem Mal besser wird. Großartige Schauspieler:innen gaben sich schon während der ersten vier Staffeln die Klinke in die Hand. Nun wird das Ensemble wieder gewechselt. Anstelle von Olivia Colman schlüpft Imelda Staunton in die Rolle der Queen. (9. November, Netflix)

 

 

Weitere Herbstserien:

Der Sky-Sechsteiler Munich Games holt die Bedrohung des Münchner Terroranschlags 1972 in die Gegenwart (2. September, Sky) und Samantha Morton überzeugt unter der Tagline „It’s safer to be feared than to be loved“ und unter Mithilfe Vivienne-Westwood-artigen Kostümdesigns als Caterina de’ Medici in der poppig-düsteren History-Serie The Serpent Queen (8 Episoden, 11. September, Canal+).

Dazu kommen die britische Heiratskomödie Mammals mit James Corden und Sally Hawkins (Herbst/Winter, Prime Video), Guillermo del Toros mit Spannung erwarteter Anthologie-Achtteiler Cabinet of Curiosities (25. Oktober, Netflix) und Schiffspassagenprobleme im ebenfalls achtteiligen History-Mystery-Horror-Spektakel 1899 (Winter, Netflix).

 

Der filmfilter wünscht seinen Unterstützer:innen einen erfüllenden, spannungsreichen oder mindestens kurzweiligen Serienherbst 2022!