Vollrausch und Ernüchterung

Alexandra Seitz über Grippe, Kosmonauten, Herzögliches und „Cameronitis“ in Berliner Kinos und anderswo.

Cameron, Titanic
Titanic, 1997, James Cameron

„Titanic“ ist 25, Kalle ein Kosmonaut, Petrow hat Fieber; dazu eine herzögliche Sonderausstellung samt Filmschau: Brief aus Berlin, Ende Januar.

Bevor er seiner Heimat endgültig den Rücken kehrte – seit April 2022 lebt Kirill Serebrennikow in Berlin –, hat er ihr noch einmal mächtig vor die Füße gerotzt. Mit Petrov’s Flu adaptiert der russische Regisseur den 2018 erschienenen Roman „Petrovy v grippe i vokrug nego“ (dt. „Petrow hat Fieber. Gripperoman“, erschienen bei Suhrkamp) von Alexei Salnikow. Darin titelgebender, schwer vergrippter Petrov/w im Zuge eines Saufgelages mit einem Freund im Zwischenreich von Traum und Wirklichkeit Erinnerungen an seine Kindheit zu Tage fördert und in seine sieche und Wodka-umlohte Gegenwart einflicht. Serebrennikow macht aus dieser an sich schon wenig festgefügten Storyline einen Höllenritt von Fieberwahn nach Delirium via Albtraum und Fetzenrausch. Das ist immer mal wieder ziemlich scheußlich und im Großen und Ganzen recht anstrengend anzusehen, es ist allerdings auch hochfaszinierend.

Logischerweise hat der Großteil der Filmkritik sich angesichts der gegenwärtigen Lage darauf geeinigt, in Petrov’s Flu eine ätzende Kritik an der kaputten postsowjetischen Gesellschaft zu sehen; kann man natürlich machen, ist aber auch ein bisschen aufgelegt und langweilig. Risikobereiter wäre es da schon, sich im Zuge der Rezeption daran zu ergötzen, wie das eigene, arme Gehirn unermüdlich, doch zunehmend irritiert und jedenfalls vergebens nach einer irgendwie gearteten „Geschichte“ fahndet, die doch noch einen Sinn ergeben könnte. Am End‘ beschleicht einen dann allerdings der Verdacht, dass GENAU SO das Leben aussehen könnte: zerrissen, grausam und sinnlos. Aber ach, mit welcher Leidenschaft und technischer Versiertheit ist das in Szene gesetzt!

Anschließend muss schnell ein Gegengift eingenommen werden. Also dann mal hurtig und unerschrocken hineingestürzt in die Berliner Wirklichkeit: Allee der Kosmonauten – das ist ein Straßenname, der einem auf der Zunge zergeht, der die Fantasie beflügelt, der wie ein Versprechen klingt: auf den Weltraumbahnhof, von dem aus es mit Karacho ins bessere Leben geht. Natürlich ist das Quatsch; die Allee der Kosmonauten mag einen hochtrabenden Namen haben, in Wirklichkeit aber führt sie endlos an Plattenbauten entlang durch Marzahn. Das ist ein Teilbezirk von Marzahn-Hellersdorf und in etwa die Ostberliner Entsprechung zur Gropiusstadt, die im Westen gerade eben noch so zum ziemlich riesigen Neukölln gehört. Beides sind keine Gegenden, in denen bei der Geburt goldene Löffel ausgehändigt werden.

In einem der mächtigen Hochhäuser in der Allee der Kosmonauten wächst Pascal auf, den alle nur Kalle nennen, was eh viel besser passt, und von dem Christine Kugler und Günther Kurth in ihrer vergangenes Jahr bei der Berlinale uraufgeführten Langzeitdoku Kalle Kosmonaut erzählen. Als die Filmemacher:innen ihren Protagonisten kennenlernen, ist der zehn Jahre alt und ein gewieftes Schlüsselkind, eigentlich viel zu gescheit für den ortstypischen Weg, dann aber doch bald auf der schiefen Bahn, schließlich für zwei Jahre und sieben Monate im Knast und am Ende zwanzig, Vater geworden, einigermaßen zuversichtlich und zugleich auch ziemlich ratlos. Kalle Kosmonaut bedient keine Ghetto-, keine Ossi-, keine Proll-Klischees, sondern sammelt recht nüchtern Eindrücke aus den Leben von Leuten, denen die Begriffe „randständig“ und „bildungsfern“ bei genauem Hinsehen eben doch nicht gerecht werden. Dies deutlich zu machen, zeichnet diesen Film aus.

Solcherart geerdet, geht es ab ins Multiplex, wo Hollywoods Sirenen locken. Kaum haben die Fans des spektakulären Überwältigungskinos sich einigermaßen erholt vom Cameron’schen, vermittels Avatar: The Way of Water geführten Keulenschlag (hier unser Aufsatz dazu), da kommt auch schon der nächste Brocken daher; im wahrsten Sinne und in Gestalt von Titanic. Der Mega-Giganto-Blockbuster, an den zunächst keiner glaubte und der sodann alle eines Besseren belehrte und Schotter ohne Ende sowie Preise sonder Zahl (darunter allein elf Oscars) einfuhr, feiert nämlich seinen 25. Geburtstag und schippert aus diesem Grunde generalüberholt (soll heißen: „neu überarbeitet in fantastischem 3D 4K HDR und High-Frame Rate“, na dann!) in die Kinos.

Nichts wie hin also und wehmütig in die damals noch quasi faltenfreien Gesichter von Kate Winslet und Leonardo DiCaprio geblickt (keinesfalls aber anschließend in den Spiegel). Sodann danke dafür, dass DiCaprio sich von der Posterboy-Hysterie, die seinerzeit über ihn hereinbrach, letztlich doch nicht ins Bockshorn hat jagen lassen. Zugegeben, auch Titanic ist sehr lang und ja, das Drehbuch leidet unter Anfällen von Cameronitis, aber dank der durch die Bank tollen Besetzung sowie den Bestleistungen aller hinter der Kamera Beteiligten fällt das nicht sonderlich ins Gewicht. Und nachwievor kann man sich daran ergötzen, in welch perfekter Balance die Jungs- und die Mädels-Anteile (Action und Romantik) in Titanic, diesem prototypischen Unterhaltungsfilm, gehalten werden. Also wenn Sie schon in Cameronland baden gehen wollen, dann doch lieber in diesem Wassertank! (in Österreich ab 9. Februar)

Schließlich noch der Hinweis auf einen Pflichttermin für alle Mandalorian-Fanboys und -girls sowie Cineasten, Cinephile und sonstige Interessierte an der Laufbild-Kunst: Anlässlich der Sonderausstellung „Werner Herzog“, die noch bis 27. März im Museum für Film und Fernsehen zu besichtigen ist (wir werden im nächsten Brief berichten), widmet das Kino Arsenal dem mittlerweile zur Kultfigur gewordenen Künstler vom 1. bis 15. Februar eine Filmschau. (Ab 16.2. belegt dann die Berlinale alles mit Beschlag und auch davon wird zu berichten sein.) Praktisch daran ist, dass man aus der Ausstellung kommend lediglich in den Fahrstuhl steigen und in den Keller zu fahren braucht, um weitere Herzog’sche Wunderwelten zu betreten. (Unterwegs nach unten kann man einen Blick in den Innenhof des zunehmend verlassenen Sony-Centers und hinüber zum seit nunmehr zwei Jahren sinnlos leer stehenden Originalfassungs-Multiplex werfen und melancholische Gedanken an die dort verbrachten schönen Stunden hegen.)

Zurück zu Herzog: 15 Programme bieten grobe Orientierung im ausufernden Schaffen des Meisters; darunter natürlich Aguirre (1972, der Film mit Kinski und den Affen) und Stroszek (1977, der Film mit Bruno S. und dem Huhn), der wegweisend durchgeknallte Fata Morgana (1971), der Herzogfilm mit dem besten Titel, Auch Zwerge haben klein angefangen (1970), sowie Lektionen in Finsternis (1992). Letzterer hat dem Regisseur seinerzeit den (natürlich ungerechtfertigten) Vorwurf der Ästhetisierung von Gewalt eingebracht – gezeigt wird die Verwüstung, die die geschlagene irakische Invasionsarmee in Kuwait hinterlassen hat – und demonstriert ausgezeichnet die Herzog’sche Methode, im Erhabenen den Todestrieb ersichtlich zu machen.

Das hat dann allerdings weniger mit Kant und Freud zu tun als mit jener transzendentalen Erfahrung von Natur als gleichgültig vernichtend, die Herzogs Perspektive auf die Welt prägt. Am 12.2. wird Land des Schweigens und der Dunkelheit (1971) gezeigt, nach Aussage Herzogs der ihm liebste und wichtigste Film; er erzählt aus dem Leben der taubblinden Fini Straubinger. Eine Sache des Respekts, sich den anzuschauen.