Vorweihnachtsüberschuss

Neu im Kino KW 50

West Side Story, 2021, Steven Spielberg

Spielbergs West Side Story, Adam Driver und Adam McKay, Verhoevens Nonne Benedetta, das Haus Gucci und ein Hügel der Wahrheit für Maresi Riegner. Dazu ein reiner Quatschfilm und der Abschluss der Spinnenmann-Trilogie. Ein selektiver Überblick von Benjamin Moldenhauer, Alexandra Seitz und Roman Scheiber.

Einer der größten Meister des intelligenten Spektakelfilms fabriziert ein Remake eines der größten Musical-Klassiker: Steven Spielberg hat West Side Story neu verfilmt, der selbst wiederum eine Art Remake ist von Shakespeares „Romeo and Juliet“ (1597), welches wiederum eine Art Remake von Teilen aus William Painters „Palace of Pleasure“ (1567) ist, welches sich wiederum ausgiebig bei „The Tragical History of Romeus and Juliet“ (1562) von Arthur Brooke bedient. Das als Hinweis darauf, dass der Boy-Meets-Girl-und-dann-dürfen-sie-nicht-beieinander-liegen-Plot die Zeiten überdauert und ungebrochen funktioniert. Gerade, wenn ihn ein Steven Spielberg wie in diesem Fall aus dem Jahr 1597 ins Jahr 2021 hinüberrettet. Die amerikanischen Kritiker:innen sind trotz oder wegen Spielbergs konventioneller Interpretation der West Side Story ähnlich begeistert wie ihre Eltern und Großeltern es von der Originalverfilmung 1961 in der Regie von Robert Wise waren, einer Art US-Nationalepos, welches wiederum die legendäre Broadway-Show von Robbins/Bernstein/Sondheim zur Vorlage hatte.

Don’t Look Up, 2021, Adam McKay

Mit Don’t Look Up hat Adam McKay – Regisseur der Anchorman-Filme, des lustigen Stepbrothers und des im direkten Vergleich geradezu seriös ausgefallenen The Big Short – die erste stimmige, zeitgemäße Allegorie auf das vom Klimawandel beförderte Ende der Welt gedreht. Ausgehend vom denkbar einfachsten Bild: Ein Komet rast auf die Erde zu, in sechs Monaten wird alles vorbei sein. Zwei Wissenschafter (Jennifer Lawrence, Leonardo DiCaprio) versuchen, die Präsidentin zu warnen (in Hochform: Meryl Streep), aber niemand unternimmt was. Es gibt politisch und, nachdem die beiden zunehmend Verzweifelten eine eigene Kampagne starten, auch medial kein Durchkommen, weil alle Adressaten zu gierig, zu geltungssüchtig oder schlicht komplett bescheuert sind. Wer Don’t Look Up wegen des momentan bereits laufenden Untergangs der Welt, wie wir sie kannten, nicht in einem Kino sehen will, muss nur noch ein bisschen warten, am 24. Dezember startet der Film dann auch auf Netflix.

Gunpowder Milkshake, 2021, Navot Papushado

Es ist nicht die geringste Qualität des Genrekinos, dass es ihm gelingt, auch abstruseste Plots für zwei Stunden plausibel werden zu lassen. Man kennt die Gesetze des jeweiligen Genres, das in diesem Sinne tatsächlich eine Art eigene Welt bildet, die sich an die Plausibilitäten und Kausalitäten, die draußen gelten, nicht halten muss. Nur wenig wirkt freudloser als Kinogänger:innen, die einem nach dem Besuch von einem herrlichen Quatschfilm erklären, was in diesem Fall wieder „unrealistisch“ gewesen sei. Gunpowder Milkshake will es in dieser Hinsicht dann auch wirklich wissen: Sam (Karen Gillian) wurde, wie schon ihre Mutter (Lena Headey), zur Auftragskillerin ausgebildet. Ein Auftrag läuft schief, und Sam muss sich um ein achtjähriges Mädchen (Chloe Coleman) kümmern, ihre ursprünglichen Auftraggeber an den Fersen.

Annette, 2021, Leos Carax

Das Regie-Debüt der grandiosen Schauspielerin Maggie Gyllenhaal stammt ursprünglich aus der Feder von Elena Ferrante, heißt The Lost Daughter (bzw. auf Deutsch wie deren Roman Frau im Dunkeln), hat Oscar-Preisträgerin Olivia Colman und Dakota Johnson aufzubieten und zählt zur seltenen Kategorie künstlerisch wertvoller Mutterschaftsdramen (zunächst im Kino, dann auf Netflix).

Im Arthouse, was heißt, im ArtHOCHhaus ist auch Annette, Leos Carax‘ wildes Musical daheim. Wobei Adam Driver, seines Zeichens Antiheld von Annette, der überhaupt ein starkes Jahr hatte, in einem weiteren Haus Hof hält, nämlich in Ridley Scotts Dekadenz-Spektakel House of Gucci, welches naturgemäß vor allem durch seine Oberflächenreize besticht. Schöne Autos, schöne Sachen zum Anziehen, schreckliche Menschen, allen voran Patrizia Reggiani (Lady Gaga), die ihren Ehemann Maurizio Gucci (eben Driver) nach der Scheidung umbringen lässt – basierend auf einer wahren Geschichte, und Reggiani soll nicht zufrieden sein mit der Darstellung Lady Gagas, sondern verärgert. Sehr glücklich mit dem Film hingegen muss der Gucci-Konzern sein, denn seit der Premiere verkauft er sein Zeug besser als davor. Der Spiegel hat kürzlich daran erinnert, dass Salma Hayek mit François-Henri Pinault verheiratet ist; der wiederum ist Vorstandschef bei Kering, dem Mutterkonzern von Gucci. Jared Leto wiederum hat bereits für Gucci geworben. Beide spielen in Ridley Scotts Film tragende Rollen.

House of Gucci, 2021, Ridley Scott

Paul Verhoevens Benedetta schreit Skandal, mehr noch: sieht aus wie der Versuch, einen idealtypischen Skandalfilm zu produzieren: lesbische Nonnen, Marienfiguren als Dildos, Blasphemie in allen Formen. Von all dem abgesehen ist Benedetta auch ein Pandemiefilm. Die junge Titel-Nonne (Virginie Efira) versucht die Pest von ihrer Stadt und ihrem Konvent fernzuhalten und verordnet als Seherin die Schließung der Stadttore. Die religiösen Autoritäten handeln wider jede Vernunft, wie es so ihre Art ist, marschieren in die Stadt ein und bringen den Bürgerinnen und Bürgern das Verderben. Und mittendrin dann halt lesbische Nonnen, man kann es sich ausmalen. Provozierend in einem engeren Sinn wirkt all das allerdings nur, wenn man die hier unternommenen Transgressionen auf den moralischen Konsens von, sagen wir, 1974 bezieht. Zieht man das Skandalnudelgetöse ab, zeigen sich auch hier wieder mit der Zeit Subtilitäten und Mehrschichtiges; wie eigentlich immer bei Verhoeven, der seine Filme komplexer baut, als es auf den ersten Blick scheint.

Benedetta, 2021, Paul Verhoeven

Anfang des vergangenen Jahrhunderts fanden sich auf dem Monte Verità – einer „Naturheilanstalt“ auf einem Hügel von 321 Metern Höhe im schweizerischen Tessin – Lebensreformer, Pazifisten, Künstler und Schriftsteller zusammen. Anhänger unterschiedlicher alternativer Bewegungen erprobten dort innovative Lifestyle-Komponenten wie Nacktluftbaden, Vielweiberei, Drogenkonsum, Veganismus usw. usf. Von diesen frühen Hippies erzählt Monte Verità von Stefan Jäger anhand der (erfundenen) Figur der Hanna Leitner, die aus einer sie buchstäblich erstickenden Ehe in Wien auf den Hügel flieht und ihr fotografisches Talent zur künstlerischen Form entwickelt. Jäger inszeniert diese Geschichte einer Emanzipation etwas gemächlich und ziemlich brav; das Potenzial des Stoffes schöpft er nur halb aus. (Ein Gespräch mit Hauptdarstellerin Maresi Riegner finden Sie demnächst in unserem Podcast.)

Monte Verità, 2021, Stefan Jäger

Und nun zu jenem Mann, der in jeder anderen Woche als der nach einem dreiwöchigen Lockdown selbstzufrieden wie ein achtbeiniger Platzhirsch auf Publikum warten würde. Spider-Man 3: No Way Home ist der Abschluss des gefühlt fünften Reboots des Spiderman-Franchise; darin wird, so formuliert es der sinistre Dr. Strange (Benedict Cumberbatch), an der „Stabilität der Raumzeit herumgepfuscht“. In der Post-Credit-Sequenz von Venom: Let There Be Carnage wird bereits angedeutet, was dann passiert: Es grollt und donnert und rummst halt wie in den vorangegangen 26 Filmen des Marvel Cinematic Universe eben auch. Außer es werden Schicksalsschläge verarbeitet oder (nicht zu knapp) Abschiedsszenen abgeführt. Der Verdacht, dass hier nicht nur an der Raumzeit, sondern auch mit der Lebenszeit des Publikums herumgepfuscht wird, drängt sich in diesem Zusammenhang nicht zum ersten Mal auf.

Spider-Man: No Way Home, 2021, Jon Watts