Spinnwebwald der Wahrheit

Neu im Kino KW 50

Spider-Man: No Way Home, 2021, Jon Watts

Der alles andere an den Rand drängende Abschluss der Spinnenmann-Trilogie, ein Hügel der Wahrheit für Maresi Riegner und ein geraubter Wald.

Ein Blick auf die kümmerliche Anzahl der dieswöchentlichen Filmstarts – es ist gerade einmal ein halbes Dutzend – legt Arachnophobie nahe. In der Mitte des Netzes sitzt fett Spider-Man: No Way Home, ein Platzhirsch auf acht Beinen, und beansprucht mit der größten Selbstverständlichkeit den Löwenanteil an Aufmerksamkeit, an Leinwänden, an Umsatz. Weil Superheld! So einfach ist das heutzutage. Gegen einen Superhelden haben wir keine Chance, mag da so mancher Verleih vor allem angesichts des ohnehin konsumunlustigen, weil coronamaßregelungsermüdeten Kinovolks sich gedacht haben und mit seinem vergleichsweise kleinen Film aus dem Weg gewichen sein. Und nur die ganz Mutigen, die ganz Ignoranten und die ganz Verträumten sind einfach sitzen geblieben auf ihren Startterminen und harren der g‘spinnerten Lawine.

Zu den Verträumten zählen beispielsweise jene, die sich Anfang des vergangenen Jahrhunderts auf dem Monte Verità – einer „Naturheilanstalt“ auf einem Hügel von 321 Metern Höhe im schweizerischen Tessin – zusammenfanden: Lebensreformer, Pazifisten, Künstler, Schriftsteller, Anhänger unterschiedlicher alternativer Bewegungen erprobten dort innovative Lifestyle-Komponenten wie Nacktluftbaden, Vielweiberei, Drogenkonsum, Veganismus usw. usf. Von diesen frühen Hippies erzählt Monte Verità von Stefan Jäger anhand der (erfundenen) Figur der Hanna Leitner, die aus einer sie buchstäblich erstickenden Ehe in Wien auf den Hügel flieht und ihr fotografisches Talent zur künstlerischen Form entwickelt. Jäger inszeniert diese Geschichte einer Emanzipation etwas gemächlich und arg brav und bieder auf dem Niveau eines TV-Films der Woche; das Potenzial des Stoffes schöpft er nicht aus und großartige Schauspielerinnen wie Julia Jentsch und Hannah Herzsprung wirken orientierungslos. An der Ausstattung gibt es hingegen nichts auszusetzen. (Ein Gespräch mit Hauptdarstellerin Maresi Riegner finden Sie  in unserem Podcast.)

Monte Verità, 2021, Stefan Jäger

Weder von Träumern noch von Superhelden, sondern vielmehr von wahren Helden berichtet Wood – Der geraubte Wald von Ebba Sinzinger, Michaela Kirst und Monica Lazurean-Gorgan. Eine Investigativ-Doku, welche von den Raubzügen der österreichischen holzverarbeitenden Firma Schweighofer in den Wäldern Rumäniens, die als die letzten Urwälder Europas gelten, wütend kündet. Mit der „Holz-Mafia“, von der im gegebenen Kontext nicht umsonst die Rede ist, legen sich die Aktivist:innen der Environmental Investigation Agency (EIA) an, denen wiederum die Filmemacherinnen auf den Fersen bleiben. Und wenn es dann einmal mehr undercover geht, bekommt es das Publikum mit wackeligen Handy-Aufnahmen und verrauschtem Ton zu tun, denn schließlich sind wir hier nicht im Arthouse, sondern bei der Verbrechensbekämpfung.

Wood – Der geraubte Wald, 2020, Michaela Kirst, Ebba Sinzinger u.a.

Von wegen Arthouse: Das Regie-Debüt der wunderbaren Schauspielerin Maggie Gyllenhaal stammt ursprünglich aus der Feder von Elena Ferrante, heißt The Lost Daughter (bzw. auf Deutsch wie deren Roman Frau im Dunkeln), hat Oscar-Preisträgerin Olivia Colman und Dakota Johnson aufzubieten und zählt zur seltenen Kategorie künstlerisch wertvoller Mutterschaftsdramen (zunächst im Kino, dann auf Netflix).

Im Arthouse, was heißt, im ArtHOCHhaus ist auch Annette, Leos Carax‘ unbotmäßiges Musical angesiedelt. Es hält das angesichts drohender Spinnenbisse dringend notwendige Gegengift bereit: Filmkunst statt Franchise, ästhetische Innovation statt CGI-Getriebe, intellektueller Anspruch statt Popcorn-Kompatibilität, kurz: Annette ist alles, was Spider-Man nicht ist.

Annette, 2021, Leos Carax

Doch wie verhält es sich nun mit dem Spinnenmannfilm? Beansprucht er seinen Platz Mittemitte des Saals zu Recht?

Jon Watts, der auch die beiden vorangegangenen Filme mit Tom Holland in der Titelrolle verantwortete, nämlich Spider-Man: Homecoming (2017) und Spider-Man: Far From Home (2019), schließt mit Spider-Man: No Way Home eine weitere Trilogie rund um den Spinnenmann vorläufig endgültig ab. Auf flehentliches Bitten von Produktionsfirma, Verleih, Pressestelle und Fans hin sollen die Irrungen und Wirrungen, Überraschungen und Enthüllungen, mit deren Hilfe dies vonstatten geht, mal wieder, eh klar, nicht verraten werden. Wer allerdings eine Besetzungsliste lesen kann oder sich einen der offiziellen Trailer anschaut, dem muss klar sein, dass mit Auftritten einer Reihe prominenter Figuren des Marvel Cinematic Universe zu rechnen ist; weder ist Holland der erste, der das Spider-Man-Franchise geschultert hat, noch ist der Expansionsdrang der Nachbargalaxien gestillt.

Verraten werden darf immerhin, dass das vorliegende Exemplar mit seiner Laufzeit von knapp zweieinhalb Stunden nicht nur eher lang ist. Er ist auch streckenweise ziemlich langatmig und an manchen Stellen sogar regelrecht langweilig. Dann nämlich, wenn Krach und Krawall verstummen, die Action zum Erliegen kommt, die flotten Dialoge eine Auszeit nehmen und alle Witze in ihren Löchern verschwinden. Wenn also den Verantwortlichen einfällt, dass die Spider-Man-Legende nicht ohne Schicksalsschläge zu erzählen ist. Vor allem im letzten Drittel häufen sich die sentimental-pathetischen Versöhnungs- und Erlösungs-Szenen wie im abschließenden Teil von Lord of the Rings. Erinnern Sie sich an jene schier endlose Abschiedsorgie Aller von Allen? Freilich gab es seinerzeit auch Leute, denen erschien das genau gut und richtig dimensioniert. Für alle anderen gilt: Immerhin sind Sie jetzt gewarnt.