Kollektiver Voyeurismus

Best-of-Serien 2021

WandaVision, 2021, Jac Schaeffer

Die fünf reizvollsten Serien des Jahres aus filmfilter-Sicht: WandaVision (Disney+), The Underground Railroad (Prime Video), Succession (Sky), Squid Game (Netflix), The White Lotus (Sky).

Wir haben es geschafft. Ein weiteres Jahr der Pandemie-Peak-TV-Ära ist zu Ende gegangen. Ein weiteres Jahr, in dem wir viel mehr Zeit als sonst in den eigenen vier Wänden verbracht haben. Das Fernsehen war wieder eine Lebensader, also war es kein Zufall, dass in den USA die Streamer der zweiten Generation wie die Schwammerl aus dem Boden schossen. In bewährter Tradition entscheiden wir zum Jahreswechsel, was das Beste war, um vielleicht das eine oder andere nachzuholen.

Best-of-Serien, Platz 1: Das womöglich einzig Gute am endlosen Pandemie-Albtraum war The White Lotus (Sky), eine schwarze Komödie, die daraus entstand, dass der Bezahlsender HBO den amerikanischen Regisseur und Autor Mike White für eine Miniserie anwarb, die aus Sicherheitsgründen an einem einzigen Ort gedreht werden sollte. Mike White machte sich lustig über einen Haufen weißer, amerikanischer Einprozentler, die auch in einem hawaiianischen Resort nicht glücklich wurden, aber mehr noch: Er grub tief in deren Psychosen und erzählte eine brillante Geschichte von Kolonialismus, Heucheleien von Post-Millennials, fraglichem Oversharing und frisch verheirateter Verzweiflung, derweil unausstehlichen Gästen buchstäblich vom Hotelpersonal in den Koffer geschissen wird. Das Ensemble war durchweg stark, von Jake Lacys streitsüchtigem Flitterwöchner, der Murray Bartletts Pillen schluckenden Hotelmanager schikanierte, der wiederum die ganze Serie über am Rande des Nervenzusammenbruchs taumelte. Und Jennifer Coolidge stahl allen die Show als einsame, exzentrische, vermeintlich wohlmeinende Frau, die nach Hawaii gekommen war, um die Asche ihrer Mutter im Ozean zu verstreuen. The White Lotus war ganz großes Theater.

The White Lotus, 2021, Mike White

Best-of-Serien, Platz 2: Im Gegensatz zur Wohlstandssatire The White Lotus, die zunächst unterm Radar lief und zum „Sleeper-Hit“ avancierte, kam man an einer anderen Serie in diesem Jahr als Medienkonsument:in nur schwer vorbei: Squid Game (Netflix). Ich kann mich nicht daran erinnern, wann so viele Amerikaner zuletzt freiwillig Untertitel lasen. Die Bilder aus der südkoreanischen Serie über eine Reihe tödlicher Kinderspiele, gespielt von verzweifelten Schuldnern (darunter auch der großartige Lee Jung-jae) zur Belustigung reicher Gönner, lösten eine schier endlose Welle von Essays, Parodien und Memes aus, inspirierten Halloween-Kostüme und einen sehenswerten Saturday Night Live Sketch. Die zweite Hälfte der Serie fiel ab gegenüber der ersten, aber Squid Game war ein kulturelles Phänomen: Spannend und grotesk und gefühlt wie ein kollektiver Akt des Voyeurismus, an dem sich die halbe Welt beteiligte. Jeder hatte eine Meinung dazu, sogar Lebron James (er mochte das Ende nicht). Die virale Wolke verschleierte fast die Qualitäten der Serie. In Squid Game / Ojing-eo geim konnte man, wie der in Seoul geborene Autor und Regisseur Hwang Dong-hyuk, eine vernichtende antikapitalistische Botschaft sehen. Episode 6 („Das Murmelspiel“) ist diesbezüglich eine Meisterklasse für sich.

Squid Game, 2021, Hwang Dong-hyuk

Best-of-Serien, Platz 3: Es mag nichts Gutes über uns als Gesellschaft sagen, aber eine weitere großartige Serie drehte sich ebenfalls um Ultrareiche. Wir hatten die Familie Roy ja schon vermisst: Succession (Sky) über den familiären Machtkampf in einem fiktiven – freilich deutlich an Rupert Murdochs Fox News angelehnten – Medienunternehmen blieb auch in ihrer dritten Season eine der bestgeschriebenen, bestgespielten und unterhaltsamsten Serien der Gegenwart (Schöpfer: Jesse Armstrong). Nach dem Verrat an Medienmogul und Familienoberhaupt Logan Roy (Brian Cox) durch seinen anerkennungshungrigen, hartgesottenen Sohn Kendall (Jeremy Strong) herrscht Bürgerkrieg in dem Murdoch-artigen Familienclan, der mittels welcher der bissigsten Dialoge im derzeitigen Fernsehen geführt wird. Allein dem bedürftigen Tom (Matthew Macfadyen) und dem doofen Greg (Nicholas Braun) dabei zuzusehen, wie sie sich auf ihre potentielle Zeit im Gefängnis vorbereiten, einer elendiger als der andere, ist einfach herrlich. Eine vierte Season ist in Vorbereitung.

Succession S3, 2021, Jesse Armstrong

Best-of-Serien, Platz 4: 2016 drehte Barry Jenkins mit Moonlight ein Meisterwerk fürs Kino. Fünf Jahre später gelang ihm mit The Underground Railroad (Prime Video) der gleiche Coup im Fernsehen. Seine Adaption von Colson Whiteheads magisch-realistischem Roman über die amerikanische Sklaverei war vielleicht das beeindruckendste Ding in diesem Jahr. An einer Stelle nähert sich jemand einem umherziehenden Dichter mit einer Bitte: „Wenn ich dir meine Sorgen geben würde, würdest du sie schön klingen lassen?“ In gewisser Weise hat der Oscar-prämierte Regisseur genau das getan. Man kann fast jedes Bild einfrieren und erhält ein Gemälde. Dabei hat Jenkins nicht das Grauen beschönigt, sondern die Menschen vielmehr mit viel Zuneigung betrachtet. Die südafrikanische Schauspielerin Thuso Mbedu leuchtet in der Sonne des harten Südens. Ihrer Figur, einer versklavten jungen Frau, die der Knechtschaft zu entkommen sucht, folgt die Serie. Dabei wird die Titel gebende Underground Railroad – ein Netzwerk von Sympathisanten, die Sklaven in die Freiheit halfen – als buchstäblicher U-Bahnhof neu interpretiert, komplett mit Zügen und Schaffner, die alle auf geniale Weise in das Gewebe Amerikas verwoben sind.

The Underground Railroad, 2021, Barry Jenkins

Best-of-Serien, Platz 5: Am besten fasst das vergangene Jahr vielleicht WandaVision (Disney+) zusammen. Die Serie mit Elizabeth Olsen als Superheldin Wanda und Paul Bettany als ihrem kürzlich verstorbenen Android-Liebhaber Vision war nicht nur eine wunderschöne Geschichte über Trauer und Traurigkeit, sondern auch eine clevere Anspielung auf die Geschichte des Fernsehens. Nicht die Art Serie, die man von einem milliardenschweren Marvel-Franchise erwarten würde. („White-Washing“-Minuspunkt: Dass Wanda aus der Minderheit der Roma stammt, ist durch die Besetzung mit Olsen nicht einmal zu erahnen.) Jede Folge spult ein Jahrzehnt vor, sodass das gemeinsame Leben von Wanda und Vision bis zum Ende der Season – ähnlich wie in der 90er-Tragikomödie Pleasantville – von Schwarzweiß in Vollfarbe übergeht, während wir Wanda dabei zusehen, wie sie die Realität ausblendet, um ihren Verlust zu verarbeiten. Eine Seifenblase wie eine heile Sitcom kreieren: Angesichts eines Jahres, in dem man sich gern in der Behaglichkeit leuchtender Bildschirme vergrub, war das gar nicht weit hergeholt.

WandaVision, 2021, Jac Schaeffer