Kino-Apokalypse? Nicht so schnell …

Teil 2: Martin Scorsese und das Netflix-Arthouse

Burg Kino Wien, Mai 2020 ©️ Sabine I. Petrasch

Ich bin ich alt genug, um mich an eine Zeit zu erinnern, als die meisten Filme schwer oder unmöglich zu sehen waren. Als die einzige Option ein abgeranzter Austria Video Ring um die Ecke war. Heute haben wir als Film-Aficionados das Glück, tausende Filme auf Knopfdruck auf unseren Fernsehgeräten und Computern verfügbar zu haben (allerdings bleiben sie nicht in unserem Besitz, es sei denn, wir kaufen sie digital, so wie wir früher eine DVD gekauft haben). Es gibt allerdings einige Umstände, die das „Heimkino“ nicht replizieren kann: Sich in einer Leinwand verlieren. Die Körnigkeit von 35mm. Einen Film sehen, ohne ständig aufs Handy starren zu können (bin schließlich ein Millennial!), den Film zu unterbrechen, den Schnellvorlauf zu betätigen, hin- und herzuspringen oder zum Menü zurückzukehren. Sogar das laute Rumpeln der New Yorker U-Bahn im Angelika Film Center in SoHo, worüber sich immer alle beschweren, wurde schmerzlich vermisst.

„Kinos sind wieder geöffnet und die Filmwelt ist voller neuer Starttermine und Festivals, das Oscar-Rennen nimmt Fahrt auf, aber es gibt eine Reihe von Covid-19-Protokollen und ängstlichen Prognosen“, schrieb die New York Times vergangenen September und brachte einen Dialog ihrer beiden Chefkritiker:innen Manohla Dargis und A.O. Scott. „Ist dies der Tod des Kinos (wieder) oder seine glorreiche Wiedergeburt? Oder ist es zu etwas ganz Neuem mutiert, einem zweiköpfigen Disney-Netflix-Monster mit Kunst irgendwo in seinem Genom?“

Nun, es ist kompliziert. In einem Essay über die Filme von Federico Fellini zielte der große amerikanische Regisseur Martin Scorsese darauf ab, wie Streaming-Giganten die Filme mit anderen Arten von „Inhalten“ verpacken. „Die Kunst des Kinos“, schrieb er, „wird systematisch abgewertet, an den Rand gedrängt, erniedrigt und auf ihren kleinsten gemeinsamen Nenner, den ‚Inhalt‘ reduziert.“ Die Bedenken sind berechtigt, aber Scorsese hat The Irishman nur drehen können, weil Netflix sein dreieinhalbstündiges Epos finanziert hat.

Im Jahr 2019 gingen die Lichter im ältesten Arthouse-Kino von Manhattan aus, als das Paris plötzlich geschlossen wurde. Netflix hat das Kino gerettet und vergangenen Sommer unter anderem Filme von Ingmar Bergman, Jean-Luc Godard und Terence Davies gezeigt – in 35mm. Die Ironie geht nicht an uns vorbei.

Kino Paris, New York, November 2019 © Netflix

Es bleibt noch viel Ungewissheit darüber, wie der digitale Direktvertrieb die Art und Weise verändern wird, wie wir bewegte Bilder produzieren und konsumieren. Filme werden exklusive Fenster in Kinos haben, aber diese Fenster sind heute schon kürzer und flexibler als früher – dieser Trend wird sich wohl verstärken. Multiplexe werden sich auf Franchise-basierte Blockbuster spezialisieren, während der Mittelbau, Filme wie The Last Duel, direkt im Stream landen werden. Die einzige Ausnahme dürften Programmkinos sein, deren Geschäftsmodell (zum Glück) nicht mit Blockbustern rechnet.

Vergangenen Sommer wurde im New Yorker Film Forum, einem unabhängigen Arthouse-Kino im West Village, der Klassiker La Piscine (1969, Jacques Deray) gespielt. Der Film mit Romy Schneider und Alain Delon hätte nur zwei Wochen lang laufen sollen, wurde aber zum „Sleeper Smash Hit“ und bis in den Herbst verlängert. All dies soll nur sagen: Die Menschen stehen gern auch wieder auf vom Sofa.

Gerade jetzt suchen wir nach Bedeutung im Leben und wir suchen sie in der Kunst. Vielleicht gehen wir in Zukunft nicht mehr ins Kino, weil wir einen Film nur dort sehen können. Sondern weil wir im Dunklen unter Wildfremden überwältigt, angestachelt und überrascht werden wollen. Vielleicht wird der Gang ins Kino dann sogar zu einem radikalen Akt der Hoffnung.