Musikalische Parallelgesellschaft

Cem Kayas verdienstvoller Dokfilm „Liebe, D-Mark und Tod“ – im Kino

Cem Kaya, Liebe, D-Mark und Tod
Liebe, D-Mark und Tod, 2022, Cem Kaya

„Liebe, D-Mark und Tod“ erzählt von einer ungemein reichhaltigen Kultur, von der nur wenige wissen: der türkischen Musik in der eigenen Nachbarschaft.

Das hat man, wenn man sich ein paar Jahrzehnte haupt- und nebenberuflich und auch sonst mit Popkultur beschäftigt hat, wahrscheinlich auch nicht so oft: Von einem Teil der Popkultur der eigenen Gesellschaft letzten Endes so gar nichts zu kennen. Der Dokumentarfilm Liebe, D-Mark und Tod (Aşk, Mark ve Ölüm) schließt eine ganze Musikwelt auf, die zumindest mir bis dahin unbekannt war. Dass türkische Gastarbeiter auch Musik gemacht haben, war mir schon bewusst. Aber wie das genau klingt, wer in dieser Tradition unterwegs war und welche immense Bedeutung (und welche entsprechend immensen Verkaufszahlen) diese Musik hatte, das war mir alles nicht klar.

Der Regisseur Cem Kaya geht in Liebe, D-Mark und Tod ähnlich vor wie in seinem Film über die türkische Filmindustrie und ihren freien Umgang mit dem europäischen und dem US-Kino, Remake, Remix, Rip-Off: Er türmt massig viel Material – ansonsten kaum zu sehende Archivaufnahmen und Interviews – auf, und die Freude am Umfang dessen, was hier in zwei Jahren Recherche-Arbeit zusammengekommen ist, merkt man auch diesem Film wieder an.

Es gibt viel zu sehen und zu hören: Liebe, D-Mark und Tod beginnt damit, dass der Saz-Musiker Ismet Topcu von seinem Traum erzählt. Die Nasa ruft ihn an und bittet ihn, seine Musik auf dem Mond zu spielen. Die Musik: wilde Läufe auf einem elektrifiziert klingenden traditionellen Instrument gespielt, von Null auf Hundert. Der Traum von der Musik im All erinnert leise an die Mythologie des Jazz-Musikers Sun Ra, der seine Fremdheit als Nachfahre von Sklaven in den USA in eine Science-Fiction-Erzählung gefasst hat. Eigentlich sei er vom Saturn.

Cem Kaya, Liebe, D-Mark und Tod, 2022

Um bleibende Fremdheit kreist der gesamte Film – die Fremdheit derer, die zur Ausbeutung ins Land geholt, aber nie wirklich wahr- und angenommen und nicht einmal respektiert worden sind. Die Musik artikuliert die Erfahrungen der Gastarbeiter und schafft Verbindungen zwischen ihnen. „Vom Raumschiff raus, in der Luft schwebend“, erzählt Topcu lachend. „Ich bin aber gebunden, sonst flieg ich weg.“

Nach diesem spektakulären Start reist Kaya durch die Genres der türkischen Musik in Deutschland, die natürlich keine „rein türkische“ Musik war, sondern ein Hybrid (schon weil es etwas Reines im Pop nicht gibt und zum Glück auch überhaupt nicht geben kann). Auf hunderten Kassetten ist die Musik der türkischen Sängerinnen und Sänger erschienen, die, was ich auch nicht wusste, viele sehr unverblümte Protestsongs gesungen haben. Ein Protest gegen die Arbeitswelt der Gastarbeiter, die unter schlechteren Bedingungen malochen mussten als die deutschen Kollegen.

Die Montage von Cem Kaya, der seinen Film auch geschnitten hat, stellt immer wieder Verbindungen zwischen Musik, Sozialgeschichte und der rassistischen Wirklichkeit Deutschlands her: die wilden Streiks von türkischen Fabrikarbeitern 1973, die kurze Solidarisierung von türkischen und deutschen Arbeiterinnen, die Brandanschläge auf türkische Familien in Mölln und Solingen. Alles das wirkt nie didaktisch, sondern mitreißend, einfach weil im Zentrum des Films die Musik und die Begeisterung für die Musik stehen.

Liebe, D-Mark und Tod ist nicht zuletzt eine Hommage an den Reichtum der Musik der türkischen Gastarbeiter:innen und ihrer Söhne und Töchter und Enkel. Ein Unikat wie der exilierte türkische Rockstar Cem Karaca zum Beispiel ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten, trotz einiger Fernsehauftritte in Deutschland zusammen mit seiner Band Die Kanaken. Karaca fing an, auf Deutsch zu singen, eine sehr vielseitige, von Folk und Kraut infizierte Rockmusik. „Solange es viel Arbeit gab / gab man die Drecksarbeit uns ab / Doch dann, als die große Krise kam / sagte man / wir sind schuld daran“. Womit man das Wesentliche über die Ausbeutung der Gastarbeiter und den mit ihr einhergehenden Rassismus auch schon weiß.

Die Elektrifizierung der Volksmusik sorgte für einen Hybrid aus Folk und Rock, der auf türkischen Hochzeiten genauso gut funktioniert wie auf Krautrock-Parties oder ähnlichem. Disko-Folk mischte in den Achtzigern Familienfeiern und die türkischen Clubs in Deutschland auf. Liebe, D-Mark und Tod schlägt den Bogen weiter, über frühen türkischsprachigen HipHop (das eine Album, das von Cartel erschienen ist) bis zu dem Anfang der 2000er kommerziell sehr erfolgreichen R’n’Besk von Muhabbet und, wenn auch nur kurz, Gangsta-Rap. Am Schluss, und damit sehr spät, sind erste Zeichen von Vermischung zu erkennen. Aber das eigentlich Gespenstische ist, dass es hierzulande möglich war, in nächster Nähe zur türkischstämmigen Bevölkerung zu leben und von diesem musikalischen Reichtum nichts mitzubekommen. Die deutsche Parallelgesellschaft ist wirklich ein sehr hermetisches Gebilde. Und Filme wie Liebe, D-Mark und Tod können dazu beitragen, sie durchlässiger werden zu lassen.

 

Liebe, D-Mark und Tod
Deutschland 2022, Regie Cem Kaya
Laufzeit 96 Minuten