Ekstase des Rausches

Turbokettenkarussell: „Babylon“ von Damien Chazelle – im Kino

Chazelle, Babylon
Babylon, 2022, Damien Chazelle

„Babylon“: Mit dem entfesselten Untertitel „Rausch der Ekstase“ versehen, erzählt Damien Chazelle maßlos von der Frühzeit Hollywoods – jetzt im Kino (AT, DE).

In ihrer unermesslichen Weisheit haben die Vertriebsfirmen im deutschsprachigen Raum diesem Film den (Ehren-)Untertitel „Rausch der Ekstase“ verliehen. Das erinnert an die fröhlichen Urständ‘, die dereinst rund um die Neunzehnsiebziger Jahre das exquisite Genre des reißerischen Übersetzungstitels feierte. Ich sag nur „Ein Zombie hing am Glockenseil“ (Original: Paura nella città dei morti viventi, Lucio Fulci, 1980), „Leichen pflastern seinen Weg“ (Original: Il grande silenzio, Sergio Corbucci, 1968) und, Klassiker, „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ (Original: La maschera del demonio, Mario Bava, 1960). Als ob „Babylon“ allein nicht reichen würde, um einem das Blut in den Adern gefrieren zu lassen (um in der Tonlage zu bleiben).

Babylon, die große Hure, das irdische Machtzentrum, in dem der Antichrist haust, Hort von Sünde und Dekadenz. In der Offenbarung des Johannes (Bibel, Neues Testament), in der Gericht über sie gehalten wird, wird Babylon als eine prächtig gekleidete, reichgeschmückte Frau beschrieben, die „auf einem scharlachfarbnen Tier“ sitzt, „das war voll lästerlicher Namen und hatte sieben Häupter und zehn Hörner. (…) Und an ihrer Stirn war geschrieben ein Name, ein Geheimnis: Das große Babylon, die Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden“. (Offenbarung 17, 3–5)

Das ist also eine Messlatte – und nun will einem der deutsche Untertitel vielleicht schon eher einleuchten. Man kann sich das wüste Treiben dortselbst offenbar gar nicht wüst genug vorstellen. Dortselbst? Nicht umsonst hat Experimentalfilmer Kenneth Anger seine (erstmals 1959 in Frankreich veröffentlichte) Skandalchronik – und von jedem ernst zu nehmenden Cineasten gern zur Hand genommenes Standardwerk – „Hollywood Babylon“ genannt.

Robbie, Babylon

Und also lässt Regisseur Damien Chazelle, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, seinen „Babylon“ betitelten Film über Hollywood-in-den-Kinderschuhen (ein veritables G’frast) mit einer schätzungsweise viertelstündigen Party-Orgien-Sequenz beginnen. Und er lässt sich dabei nicht lumpen: Die Kamera scheint auf einem Turbo-betriebenen Kettenkarussell festgeschnallt zu sein, die Montage wird sehr wahrscheinlich von Speed befeuert, Ströme von Alkohol fließen, Berge von Drogen werden erklommen, in jeder Ecke wird auf jede erdenkliche Weise der geschlechtlichen Lust gefrönt und kein Feigenblatt vor die daran beteiligten Teile gehalten. Man kommt aus dieser Sequenz heraus wie aus einer Dreier-Looping-Achterbahn, taumelnd, delirant, nach Halt suchend – nur um sogleich durch den nächsten Fleischwolf gedreht zu werden: ein Besuch auf einem Filmset, achwas, einem halben Dutzend Filmsets steht an, Arbeitsplatz der munteren/verkaterten Party-People und nicht weniger lasterhaftes Kreativchaos – Film als Fortsetzung der Fete mit anderen Mitteln sozusagen.

Und so geht das dann weiter. Wer auf Verschnaufpausen hofft, gar auf entschleunigte Phasen der Narration, in der Charaktere sich entwickeln, eine Geschichte sich entfalten könnte(n), der/die hofft vergebens; Chazelle hat diesen filmischen Torpedo wohl aus dem Kokshaufen der Anfangssequenz heraus inszeniert. Stummfilmstar Jack Conrad (Brad Pitt), Star(let) Nellie LaRoy (Margot Robbie), hoffnungsfroher Regie-Aspirant Manny Torres (Diego Calva) rasen an uns vorbei, und viele mehr, die man ebenso gerne näher kennengelernt hätte. Aber Chazelle hat keine Zeit; was umso mehr verwundert, als Babylon satte drei Stunden dauert. Drei Stunden Schaumschlägerei! Das muss man erstmal schaffen, das schafft eigentlich sonst nur James Cameron, und der schafft das mühelos, er hat es eben erst wieder bewiesen.

Zum Glück lassen sich weder Pitt noch Robbie – vom Kollegen Peter Bradshaw in seiner Rezension im Guardian treffend als „black-belt movie stars“ bezeichnet – vom entfesselten Treiben sonderlich irritieren; sie spielen auf als gäb’s kein Morgen. Das es für ihre Figuren ja auch tatsächlich nicht gibt. Denn wie wir alle wissen, wurde dann irgendwann mal der Tonfilm erfunden und es war Schluss mit lustig und vorbei mit Jux und Tollerei. Von nun an geht’s bergab, in Hollywood und in Babylon. Zum Schluss verkantet Chazelle noch ein paar Meta-Ebenen ineinander, streicht die Segel, ergibt sich der Sentimentalität, die aus den Kulissen heraus an die Seite der Nostalgie getreten ist – und geht seinen Rausch ausschlafen. Auch für uns gilt: Vorsicht vor dem Depri-Kater!

 

Babylon – Rausch der Ekstase
USA 2022, Regie Damien Chazelle
Mit Margot Robbie, Brad Pitt, Diego Calva, Jean Smart, Olivia Wilde
Laufzeit 189 Minuten