Poor Things

Fabelhaftes von Yorgos Lanthimos, mit Emma Stone – im Kino

Lanthimos, Stone, Poor Things
Poor Things, 2023, Yorgos Lanthimos

„Poor Things“: ein Einhorn des Kinos, welches den Frankenstein-Mythos als sexuelle Befreiung fortschreibt und dabei so lustvoll wie skurril wie schrill die historischen Konventionen des Patriarchats aufspießt. Jetzt in AT und DE im Kino.

Sie ist ein Monster, doch gewinnt man sie rasch lieb. Die kindliche Unschuld, die ihre unbändige Neugierde grundiert, die wiederum einen Regelverstoß nach dem anderen nach sich zieht, stimmt einen milde. Sie kann ja nichts dafür, sie weiß es halt nicht besser. Denn sie ist das faszinierende Ergebnis eines bahnbrechenden Experiments, das ihr Frankenstein-Vater, der hier Godwin Baxter heißt – Kosename, klar: God –, aus mitleidigem Herzen angestellt hat: mit einer weiblichen Wasserleiche und dem Fötus in deren hochschwangerem Bauch. Der Gedanke ist grotesk, das Ergebnis ist es auch, und dient doch als Anknüpfungspunkt einer Reflexion über das Wesen des Menschlichen. Dazu sind die Monster schließlich da.

Mit Poor Things sorgte Yorgos Lanthimos im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen in Venedig für geradezu ehrfürchtiges Staunen; folgerichtig wurde das Werk als bester Film mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet und fährt seither Nominierungen und Preise sonder Zahl ein. Poor Things ist eines jener Einhörner, die einem den Glauben an die Kunstform des Laufbildes zurückgeben können. Ein einzigartig unbotmäßiges Trumm, das sich keinerlei Beschränkungen auferlegt und auf Konventionen nicht bloß pfeift, sondern sie vielmehr als Herausforderung begreift; d.h. sie werden nicht umgangen, sie werden pulverisiert. Ein Film wie seine Heldin also, die, wenn sie sich etwas in den erstaunlichen Schädel gesetzt hat, nicht ruht, bis es durchgesetzt ist. Die alle Warnungen in den Wind schlägt und weder den vollen Einsatz scheut noch den hohen Preis, der fällig wird. Und die dabei erst recht nicht, und dafür muss man sie einfach ins Herz schließen, Mut und Zuversicht verliert.

Stone, Ruffalo, Poor Things
Emma Stone, Mark Ruffalo

Doch ist Poor Things weniger Märchen als vielmehr Entwicklungsroman, eine éducation sentimentale, vielmehr: éducation sexuelle, und als solche mit vielerlei Gefahren behaftet. Nicht nur will Bella Baxter, so ihr Name, die Welt kennenlernen, auch die eigene Sexualität ist noch lange nicht hinreichend erforscht, geschweige denn genossen. Gott-Vater und der von ihm erkorene Bräutigam stehen diesen Vorhaben eher hinderlich entgegen, sodass sich Bella, leicht zu beeindrucken, wie sie nun einmal ist, in die Arme des windigen Winkeladvokaten Duncan Wedderburn wirft, weil der sich als ebenso talentierter wie ausdauernder Liebhaber erweist und ihr zudem das Blaue vom Himmel verspricht. Also nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Es ließen sich nun in den höchsten Tönen und völlig zu Recht Loblieder singen auf Kameraführung und Kadrage, Kostüm, Ausstattung und Make-up, Musik und Montage und damit einstimmen in jenen mittlerweile unüberschaubar gewordenen Chor der Bewunderer und Verehrerinnen von Poor Things. Bei dem es sich übrigens um eine Adaption des gleichnamigen, 1992 erschienenen Romans des schottischen Schriftstellers und Malers Alasdair Gray (1934-2019) handelt, und den Emma Stone mitproduziert hat, die in der Hauptrolle ein Karriere-Highlight setzt. Wie auch die sie umgebenden Kollegen; als da wären insbesondere Mark Ruffalo, der in Gestalt des Duncan Wedderburn zu ganz großer Form aufläuft, und Willem Dafoe, der als Dr. God ungeahnte Höhen des Befremdlichen erklimmt.

Viel ist im Zusammenhang mit diesem filmischen Wunderwerk auch die Rede von der emanzipatorischen Stoßrichtung, die Bellas Werdegang innewohnt, lässt sie sich ihre Freude am Sex doch von den Männern nicht verbieten. Bei der Gelegenheit mag frau sich allerdings fragen, wieso vergleichbare sexuelle Freizügigkeit natürlichen Frauen (im Film) nicht so ohne weiteres zugestanden wird? Anders gesagt, bestätigt nicht gerade das Monstersein Bellas jene konventionelle/traditionelle Wahrnehmung des weiblichen Begehrens als monströs? Und findet sich diese Vermutung nicht in Wedderburns Niedergang bestätigt, der das klassische Muster nachvollzieht vom Frauenhelden über den eifersüchtig Besitzenwollenden hin zum rachsüchtig auf Vernichtung Sinnenden? Ganz wie in „Alraune. Geschichte eines lebenden Wesens“, jenem 1911 veröffentlichten, mehrfach verfilmten fantastischen Roman von Hanns Heinz Ewers (1871-1943), in dem die promiske Titelfigur, geboren aus der Verbindung einer Prostituierten mit einem Lustmörder, die Männer in Elend und Tod zieht.

Man kann in dieser Richtung weiterdenken und bei der Gelegenheit einmal mehr feststellen, dass eine befreite Frau AUSSCHLIESSLICH AUSSERHALB des Patriarchats vorstellbar ist. Angesichts dieser breit grinsenden Vollgas-Feier all dessen, was nicht in die Schablone passt, den Rahmen sprengt, die Norm verletzt, ist man allerdings besser damit beraten, das allzu tief gründelnde Denken sein zu lassen. Lehnen Sie sich lieber zurück und genießen Sie die Fahrt mit Bella Baxter und Poor Things – mit etwas Glück trägt es Sie sogar aus der Kurve und Sie beginnen zu fliegen.

 

Poor Things
Großbritannien/Irland/USA 2023, Regie Yorgos Lanthimos
Mit Emma Stone, Willem Dafoe, Mark Ruffalo, Ramy Youssef, Christopher Abbott, Kathryn Hunter
Laufzeit 141 Minuten