Mutter-Tochter-Elegie

Wunderschön: „Petite maman“ von Céline Sciamma. Jetzt im Kino.

Petite maman, 2021, Céline Sciamma

Zeitreise einmal ganz anders: Céline Sciammas „Petite maman – Als wir Kinder waren“ ist ein so leises wie eindrucksvolles Trauerstück.

Zweimal ist in diesem Film Musik zu hören, einmal eine melancholische Klaviermelodie am Anfang, als die Großmutter (Margot Abascal) der achtjährigen Nelly (Joséphine Sanz) gerade gestorben ist und Nellys Eltern ihre Sachen aus dem Pflegeheim abholen. Und dann einmal hymnischer Synthiepop kurz vor Schluss, als Nelly und ihre neue Freundin Marion (Joséphine Sanz’ Zwillingsschwester Gabrielle) mit einem Schlauchboot über einen See fahren. Dazwischen ist Ruhe, und einer der Eindrücke, den dieser an Ein- und Ausdrücken überreiche Film hinterlässt, ist der einer tiefen, schönen Stille. Man hört sozusagen noch einmal, wie dominant und übergriffig circa 90 Prozent des Erzählkinos ansonsten mit Musik und Sound umgehen. Vielleicht auch, weil sie, in vielen Fällen ja zurecht, ihren eigenen Bildern nicht vertrauen.

Céline Sciammas fünfter Film Petite maman vertraut seinen Bildern und seinen Schauspieler:innen. Vor allem Joséphine und Gabrielle Sanz, die hier Mutter und Tochter spielen. Das geht, weil Sciamma eine unaufgeregte Zeitreisegeschichte erzählt, und da man zum Zeitpunkt dieser sanften Abbiegung ins Fantastische eh schon ganz bei den Figuren ist und ihnen überall hin folgt, stellt sich die Frage der Plausibilität nicht einmal im Ansatz. Nelly spielt im Wald und trifft Marion, die so alt ist wie sie und heißt wie Nellys Mutter und am selben Tag Geburtstag hat. Ob sie aus der Zukunft kommt, fragt Marion Nelly. Und Nelly sagt nein, vom Weg hinter dir. Wem diese Erklärung an dieser Stelle des Films nicht unmittelbar einleuchtet, wird auch mit dem Rest vielleicht nicht viel anfangen können.

Petite maman erzählt von der Traurigkeit der Erwachsenen und der Trauer der Kinder. Nellys Eltern räumen das Haus von Nellys Großmutter aus, eines Tages fährt Nellys Mutter (Nina Meurisse) weg, Nelly bleibt mit ihrem Vater (Stéphane Varupenne) und lernt Marion kennen. Eine Freundschaft im Wissen um den baldigen Abschied. Wie es überhaupt viel um Abschiede geht in diesem Film. Der verpasste Abschied von den Gestorbenen zuallererst. Ein „Auf Wiedersehen“ darf hier am Ende in einer sehr tröstlichen Weise nachgeholt werden, eine Wunscherfüllung, und man hat den Eindruck, dass Sciamma ihre Figuren auch in Petite maman wieder so sehr liebt, dass sie ihnen am Ende etwas schenken will.

Die Inszenierung der emotionalen Vergletscherung von Papa und Mama, die der Film zeigt, ist nicht dramatisch oder sezierend gedacht, sondern wirkt ganz alltäglich. Ihre Mutter freut sich nur selten, dass sie da ist, gesteht Nelly Marion, also ihrer Mutter, und Marion beruhigt sie; es sei nicht Nellys Schuld. Einer der vielen stillen, eigentlich unfassbaren Momente in diesem Film, der mich mitgenommen hat wie seit Jahren keiner mehr.

Es sind kleine Gesten und einzelne Dialogzeilen, in denen sich die riesige, eigentlich nicht aushaltbare Kluft zwischen den Träumen und Wünschen der Kinder und der erwachsenen Wirklichkeit auftut. Wenn etwa Marion Nelly gesteht, ihr großer Traum sei es, Schauspielerin zu werden (kurz nach einer Szene, in der die beiden selbst im Spiel schauspielern). Und Nelly ihr Mut macht; sie könne sich das gut vorstellen. Im Wissen darum, dass ihre Mutter es vor lauter Traurigkeit nicht mehr zu Hause aushalten wird. Und keine Schauspielerin geworden ist.

Der zentrale Satz in Petite maman klingt ganz banal, führt aber zu einer tiefen Wahrheit über Kinder und Erwachsene: Die Traurigkeit der Erwachsenen ist nicht von den Kindern erfunden worden. Um diesen Satz herum sind hier alle Bilder angeordnet, die vom Verlust von Zugewandtheit, Liebesfähigkeit und Lebendigkeit erzählen, den das Erwachsenwerden, bei allem, was man an Autonomie und Handlungsmacht hinzu gewinnt, in unserer Welt bedeutet. 

 

Petite maman – Als wir Kinder waren
Frankreich 2021, Regie & Drehbuch Céline Sciamma
Mit Joséphine Sanz, Gabrielle Sanz, Nina Meurisse, Stéphane Varupenne, Margot Abascal
Laufzeit 72 Minuten