Telefonjoker

Überraschend tiefgehender Horror: „The Black Phone“ mit Ethan Hawke – im Kino.

The Black Phone, 2021, Scott Derrickson

Die Verkehrung von Fantastik und Realität ist das Grundprinzip des grandios gespielten Horrorthrillers „The Black Phone“ von Scott Derrickson, basierend auf einer Story des Bestsellerautors Joe Hill.

Die Ausgangslage ist klar strukturiert: Ein entführter Junge in einem Keller, im Erdgeschoss sitzt das Monster und wartet, dass er die Treppe raufkommt. Der Greifer (Ethan Hawke) fährt durch die Straßen und sammelt Kinder ein, die dann nicht mehr auftauchen. Als letzten trifft es Finney (Mason Thames), der zu Hause schon mit einem prügelnden Vater zu kämpfen hat. Der eher fragil wirkende Junge versucht sich zu befreien, und für alles, was The Black Phone von diesem Punkt an Fantastischem auffährt, muss man nur zwei Prämissen annehmen. Die toten Kinder rufen bei Finney im Keller an, über ein schwarzes Telefon, und geben ihm Hinweise. Währenddessen ermittelt Finneys Schwester Gwen (Madeleine McGraw) draußen auf eigene Faust. Sie träumt Dinge, die sie nicht wissen kann, Täterwissen, Szenen aus den Leben der Opfer.

Joe Hill, der Autor der Kurzgeschichte, auf der die Verfilmung von Regisseur Scott Derrickson basiert, hat die seltene Fähigkeit, das Fantastische real und selbstverständlich wirken zu lassen, während die Realität, wie wir sie kennen, unterschwellig mehr und mehr kaputt und surreal erscheint. Diese Vermischung oder auch Verkehrung (siehe auch bei diesem Film) gelingt den Bildern in The Black Phone ebenfalls. Traum-Ästhetik und Realismus durchdringen einander. Wenn Gwen träumt, sehen wir körnige Super-8-artige Aufnahmen, als sei es ein Familienvideo, Found Footage. Währenddessen werden die Bilder der materiellen Wirklichkeit albtraumhafter, der Keller, die Kleinstadt bei Nacht, in der niemand hören will, wenn jemand um Hilfe schreit.

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Mason Thames, Ethan Hawke

Auch die Durchdringung von Normalität und Monstrosität geschieht in The Black Phone unterschwellig. Am offensichtlichsten wird sie in der Parallelisierung von Monster und Vater, die beide mit dem Gürtel in der Hand ihr eigenes Trauma an den Kindern ausagieren. Im Subtext konstruiert der Film ein filmisches Universum, in dem die Erwachsenen und damit auch ihre Kinder mit Gewalt infiziert sind. Auf dieser Ebene will The Black Phone ungleich mehr von der Welt wissen als die bisherigen Filme Scott Derricksons, die – wie zum Beispiel Sinister oder Erlöse uns von dem Bösen – düster, aber eben auch sehr oberflächenverliebt waren.

The Black Phone erlaubt sich zwar zwei, drei Jump Scares, setzt ansonsten aber auf Suspense und am Ende auf Katharsis. Auf dem Weg dahin gelingen ihm einige sehr schöne Sequenzen und Momente, die von einem großen Herz für die Figuren zeugen. Für die Kinder eh, und da gerade für die Außenseiter und die Besonderen. Aber auch für die Erwachsenen, die Terror ausüben. Ethan Hawke verleiht noch dem Entführer, der mit seinen Opfern immer wieder das Spiel „Ungezogenes Kind“ spielen muss, bevor er sie töten kann, so etwas wie psychologische Tiefe, die über das rein Monströse hinausgeht. Und das obwohl er bis auf zwei allerdings signifikante Momente Maske trägt.

Hawke hat als Greifer sichtlich Spaß am performativen Bösen. Dass The Black Phone aber so rund läuft, liegt vor allem an seinen zwei großartigen Kinderschauspielern, Mason Thames und Madeleine McGraw. Der Cast trägt wesentlich dazu bei, dass das alles auch in seinen dunkelsten Momenten nicht ins Sensationalistische kippt, sondern seinen Figuren und seiner Geschichte verpflichtet bleibt. Das verleiht dem Film, dessen Plot man ohne Weiteres auch im Geisterbahn- oder Torture-Porn-Modus hätte erzählen können, eine Ernsthaftigkeit, die man im Horrorgenre gern öfter finden würde.

 

The Black Phone
USA 2021, Regie Scott Derrickson
Mit Mason Thames, Madeleine McGraw, Ethan Hawke
Laufzeit 104 Minuten