The Holdovers

Vertrauen Sie nicht den Verrissen: „The Holdovers“ ist ein sehenswerter Film – im Kino.

Giamatti, Randolph, Sessa, The Holdovers
The Holdovers, 2023, Alexander Payne

„The Holdovers“: Die Außenseiterhelden in Alexander Paynes Feel-Good-Movie dürfen nach ihrer Entwicklungsreise bessere Menschen sein. So etwas geht cineastisch oft schief, nicht aber mit Genauigkeit, Witz und Paul Giamatti.

Der Internatslehrer Paul Hunham riecht, und zwar nach Fisch. Trimethylaminurie heißt die Erkrankung, außerdem leidet Paul an Hyperhidrose und schwitzt übermäßig. Prä-Diabetes wird zumindest angedeutet, ein Glubschauge ist hingegen unübersehbar. Mitleid muss man mit dem buckligen Helden von Alexander Paynes menschenfreundlichen Feel-Good-Movie The Holdovers trotzdem nicht haben, zumindest nicht am Anfang. Der Mann ist zuerst einmal und vor allem ein an der Oberfläche verhärteter, autoritärer Stinkstiefel, der das eigene Lebensunglück mit einem harten moralischen Kodex und gnadenlosen Ansprüchen an seine Schüler verbindet. In der Barton Academy unterrichtet Hunham die Söhne reicher Familien, angeekelt von ihrer Ignoranz und Arroganz.

Paul Giamatti ist der ideale, wenn nicht der einzig denkbare Schauspieler für die Rolle. Vor zwanzig Jahren spielte er im Roadmovie Sideways (dem mit Election lustigsten Film von Regisseur Alexander Payne) einen mit seiner Midlife Crisis ringenden Mann, der auf der Reise nicht zu einer Lösung, aber zumindest zu so etwas wie Selbsterkenntnis kommt. Ideal ist Giamatti auch deswegen, weil er nicht nur die passende Körperlichkeit und das entsprechende Gesicht vor die Kamera trägt (es sei nicht gebaut für Romantik, erklärt Paul Hunham an einer Stelle sinngemäß ohne erkennbaren Verdruss). Sondern auch über die Komplexität im Ausdruck verfügt, die die Figur vor dem Stereotypen bewahrt.

Paul muss über die Weihnachtsfeiertage die fünf Schüler betreuen, die nicht einmal ihre Familien zu Hause haben wollten. Für vier von ihnen gibt es nach ein paar Tagen in dem eingeschneiten, menschenleeren Schulgebäude ein Erbarmen, sie werden doch noch abgeholt. Übrig bleibt der eventuell sehr begabte, aber vom Irrewerden seines leiblichen Vaters und von Mutters und Stiefvaters Kälte psychisch in Mitleidenschaft gezogene Angus (Dominic Sessa). Paul ist Angus genauso zuwider wie umgekehrt.

Giamatti, Sessa, The Holdovers
Paul Giamatti, Dominic Sessa

Aber irgendwann geht es, wie in vielen Filmen Paynes (am ausgiebigsten in About Schmidt und eben in Sideways) wieder auf eine Reise, während der die Verkrustungen aufbrechen und zwischen dem jungen und dem alten Ekelpaket Empathie, Gemeinsamkeit und so etwas wie eine unwahrscheinliche Verbundenheit entstehen.

Alexander Payne schließt filmästhetisch und mit seinem Topos nicht nur an das Subgenre Internatsfilm an, sondern auch an die Filme New Hollywoods. The Holdovers spielt 1971, im Hintergrund des Geschehens rauscht der Vietnamkrieg, von dem die reichen Söhne allerdings nichts mitbekommen. Der Sohn der Schulköchin Mary Lamb (Da’Vine Joy), der dritten Außenseiterin im Bund, ist gefallen, während die blasierten Oberschichts-Arschgeigen im Land bleiben dürfen und talentlos, faul und selbstsicher auf ein problembefreites, abgesichertes Leben zusteuern. Der zu pädagogischer Härte sublimierte Zorn des Marc-Aurel-Fans Paul, man kann ihn allemal verstehen.

Jedenfalls ist Paynes Film auch insofern mit New Hollywood verbunden, als er dezidiert Außenseiterkino ist. Die Erfolgreichen, Schmerzlosen, Wohlriechenden, sie tauchen hier durchweg in Form von schlimm herzlosen und, zur Freude des Protagonisten wie auch von Zuschauerin und Zuschauer, zutiefst tumben Menschen auf. Außerdem steht The Holdovers, wenn auch nur in Nebensätzen angedeutet, auf der Seite derer, denen das gute Leben nicht qua Klassenherkunft geschenkt worden ist, sondern die um dieses Leben kämpfen müssen und auf diesem Weg immer wieder scheitern. Der Vorwurf, den der Filmkritiker Lucas Barwenczik in einem ansonsten gut argumentierten Verriss anbringt, nämlich dass Payne seine Figuren pathologisieren und Klassenunterschiede damit relativieren würde, trifft nicht. Beziehungslosigkeit, Kälte, ordinäre Verblödung und eventuell auch Krankheit und Fischgeruch werden hier nicht mit dem Holzhammer, sondern wirklich sehr fein rückgebunden an ein bestimmtes Wissen: Es macht etwas mit den Menschen, wenn sie ihre Unterschiedlichkeit nicht anders als in Hierarchien wahrnehmen können und zu spüren bekommen. Erfolg geht in dieser Welt nicht ohne das Plattmachen von anderen, im Zweifelsfall Talentierteren.

Der Ton des Films ist trotzdem heiter. The Holdovers wechselt zwischen Drama und Komödie, und das oft in ein und derselben Szene. Und wunderschön anzusehen ist er auch noch. Gedreht wurde digital, aber bearbeitet wurden die Bilder des Kameramanns dann so, dass der Eindruck einer Siebzigerjahre-Studioproduktion entsteht – körnig, manchmal knackt das Material auch leise. Schönes Paradox auch, dass Zelluloid keine Option war, hat Payne im Interview mit der Frankfurter Rundschau erzählt; schlicht zu teuer, mit einem Material, das heute als alt gilt, den Eindruck des Alten zu erwecken.

Eine zentrale Differenz zum New-Hollywood-Kino gibt es dann aber doch, und an diesem Punkt haben viele skeptische bis negative Kritiken des Films angesetzt. In den Siebzigern durften die kruden Außenseiterfiguren krude bleiben, eine Entwicklung war nicht zwangsläufig vorgesehen. Bei Alexander Payne müssen sie wieder einmal eine Reise machen, die eine Seelenreise ist und an deren Ende Selbsterkenntnis, Weichwerden und Verbindung zu anderen warten. Der Weg ist das Ziel und gepflastert mit therapeutischen Gesprächen, Trauerarbeit und leider auch einer etwas verunglückten, weil allzu flach fliegenden motivational speech (kein Mann sei wie sein Vater, jeder könne etwas eigenes aus sich machen usf.).

Der immer wieder recht gnadenlose Witz bewahrt The Holdovers vor der Harmonieseligkeit. Was ihn vor der Banalität bewahrt, ist zum einen seine Genauigkeit. Nicht in den Diagnosen, die er seinen Figuren stellt, die sind eher banal, sondern in den Details, mit denen diese Diagnosen entfaltet werden. Zum anderen ist die Freundlichkeit, mit der der Film auf Paul, Angus und Mary blickt, in jeder Einstellung spürbar. Die Negativität hat Alexander Payne aus seiner New-Hollywood-Hommage gestrichen. Es bleiben eine Liebe zu den schief in die Welt gestellten Menschen, bei gleichzeitiger Verachtung der Doofen, Erfolgreichen und Erkalteten. Und einer der schönsten Winterfilme ist The Holdovers nicht zuletzt.

 

The Holdovers
USA 2023, Regie Alexander Payne Drehbuch David Hemingson
Mit Paul Giamatti, Dominic Sessa, Da’Vine Joy Randolph
Laufzeit 133 Minuten