Stück für Stück

Einer der sehenswertesten Filme des Jahres: Ryūsuke Hamaguchis „Drive My Car“

Ryūsuke Hamaguchis „Drive My Car“ ist in drei Stunden keine Minute langweilig – und hat völlig zu Recht den Oscar für den besten internationalen Film gewonnen.

Für mich eine der schönsten Szenen des nun zu Ende gehenden Kinojahres: Zwei Schauspielerinnen proben gemeinsam unter freiem Himmel einen Dialog aus Tschechows „Onkel Wanja“, das übrige Ensemble schaut zu. „Man muss Menschen trauen, sonst kann man nicht leben“, sagt die eine, auf Koreanisch. Die andere ist stumm und spricht Gebärdensprache: „Friede, Friede“. Die beiden umarmen sich. „Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du glücklich wirst“, sagt die eine und noch einiges mehr, aber so, wie es die Kamera uns zeigt, wird es nicht mehr für die Probe gesprochen, sondern direkt zu dem Menschen, den man da gerade umarmt. Dann ein Lächeln auf den Gesichtern, das die Kolleginnen und Kollegen nicht sehen können, und das die Rolle, die sie (in dem Stück) spielen, transzendiert. Was wiederum uns die Kamera (in diesem Film) zeigt.

Dieser Moment in Ryūsuke Hamaguchis Drive My Car lässt Text und Schauspielerarbeit ineinanderfließen. Das Leben der Figuren wird bezogen auf das eigene und in ihrer Verkörperung lernt man sich neu und anders kennen. Der Text befragt den Schauspieler, so formuliert es Regisseur Yūsuke Kafuku (Hidetoshi Nishijima), der mit seinem Ensemble in Hiroshima Tschechows Stück einstudiert. Im Zentrum von Kafukus Inszenierungsmethode steht der Körper seiner Schauspielerinnen und Schauspieler. Das realisiert man allerdings erst am Schluss. Der Text wird bis zum Anschlag in Leseproben geübt, immer wieder und wieder (Drive My Car dauert nicht umsonst fast drei Stunden, die sich allerdings anfühlen wie maximal zwei, wenn man sich auf den Film einlässt). Erst, wenn der Text so selbstverständlich abrufbar wie ein „Guten Morgen“ ist, geht es in die szenische Interaktion. Außerdem sprechen die Mitglieder seines Ensembles unterschiedliche Sprachen, Japanisch, Chinesisch, Koreanisch und Gebärdensprache (bei der Aufführung wird das Publikum dann den Dramentext auf einer Leinwand über der Bühne mitlesen).

Drive My Car, 2021, Ryūsuke Hamaguchi

Die Theaterproben und die Gespräche Kafukus mit seinen Schauspielerinnen und Schauspielern sind der eine Hauptstrang dieses Films. Der andere sind die Autofahrten und die langsame Annäherung Kafukus an die Fahrerin Misaki Watari (Tōko Miura). Zuerst ist er genervt, weil die Chauffeurin ihn beim Auswendiglernen stört. Eigentlich hört Kafuku, der die Hauptrolle in seinen Stücken bislang selbst gespielt hat, den Text im Auto, stundenlang, und fährt selbst. Auf Band gesprochen hat ihn seine Frau Oto (Reika Kirishima), die zum Zeitpunkt der Proben zu „Onkel Wanja“ seit zwei Jahren tot ist. Teil des Ensembles ist ein junger Schauspieler (Masaki Okada), der eine Affäre mit Oto hatte. Auch er fährt in einer Szene im Auto mit.

Nach und nach tasten Kafuku und seine Fahrerin Watari im Auto sich an ihre jeweilige Vergangenheit heran und offenbaren einander ihre Geheimnisse. Wobei „offenbaren“ schon zu stark formuliert ist. Der Schmerz und die wenigen (vergleichsweise porösen) Glücksmomente, die diese beiden Leben bestimmen, werden von Ryusuke behutsam, wie ein Mosaik, ganz langsam, Stück für Stück, zusammengesetzt.

„Unter Umständen können wir uns selbst ins Herz schauen, aber auch das nur mit Mühe“, sagt eine der Figuren in der literarischen Vorlage von Haruki Murakami, die mit ihren knapp fünfzig Seiten wie eine Skizze zu Hamaguchis mehrschichtiger Verfilmung wirkt. Von diesen Mühen, und von den unausgesprochenen Dingen in Beziehungen, handelt Drive My Car. Wie nebenbei, mit einer Lässigkeit, die mitunter unter seiner Schwere verschwindet, handelt er außerdem von den unausgesprochenen Dingen in jeder Art von Beziehungen und davon, wie Theaterspielen und Erkenntnis, Text und Körper und Liebe und Geheimnis einander gegenseitig durchdringen.

 

Doraibu mai kâ / Drive My Car
Japan 2021, Regie Ryūsuke Hamaguchi Buch Haruki Murakami
Mit Hidetoshi Nishijima, Tōko Miura, Masaki Okada, Reika Kirishima
Laufzeit 179 Minuten