Napoleon

Ridley Scott imaginiert den berühmten Feldherrn – im Kino.

Scott, Phoenix, Napoleon
Napoleon, 2023, Ridley Scott

„Napoleon“: Der kleine Korse, aufgeplustert von Joaquin Phoenix, aus der Sicht des freigeistigen Hollywood-Veteranen Scott, plus Schlachtengetöse, minus Historiografie – jetzt in AT und DE im Kino.

Die Geste der vor dem Bauch in die Weste gesteckten Hand, die Napoleon Bonaparte unter den Spinnern dieser Welt unverkennbar macht, verkneift er sich. Stattdessen führt Joaquin Phoenix, der die Rolle des Titelhelden in Ridley Scotts neuem Streich übernommen hat, des öfteren die flache Hand am Ohr vorbei, streckt den Arm aus und signalisiert seinen Truppen damit ein „Vorwärts!“. Dann hält er sich die Ohren zu, während wahlweise die revolutionären Subjekte, die mit der Führung unzufrieden auf Paris’ Straßen demonstrieren, be- bzw. erschossen werden oder, das Weltkulturerbe nicht achtend, Kanonenkugeln in den Pyramiden von Gizeh einschlagen. Der Effekt ist beide Male der gleiche: Horror angesichts der Skrupellosigkeit, mit der dieser Anführer vorgeht, und unmittelbar folgendes Einknicken des Gegners.

Napoleon bleibt rätselhaft. Ein großer Feldherr, zweifellos. Ein von keinem Selbstzweifel angekränkelter Egozentriker, das auch. Rücksichtslos und rüpelhaft, auf jeden Fall. Aber zudem einer, der sich mit der eigenen Angst anlegt, der seine Schwächen nicht zulässt: Der fast schon hyperventilierend und leise Gebete (oder Flüche?) murmelnd das von den Engländern gehaltene Fort erstürmt. „Vorwärts!“ Der wartet, bis die Gefahr ganz nah ist, und dann blitzschnell zuschlägt. „Vorwärts!“ Der das Grauen zur Gänze ermisst und sich dennoch hineinstürzt. „Vorwärts!“ Und der heimgekehrt seine Gefährtin Joséphine anwimmert, bis diese den Rock hebt und er sie rammeln kann wie ein Karnickel. Wobei die Miene der Dame unbewegt bleibt.

Scott, Phoenix, Kirby, Napoleon
Joaquin Phoenix, Vanessa Kirby

Phoenix tut sich keinen Zwang an; mit der Repräsentation des urkundlichen Charakters einer historisch verbürgten Figur hält er sich gar nicht erst auf; was ihn offenbar viel mehr interessiert, sind die Reflexe dieser Figur in der Mentalitätsgeschichte, ist der Nimbus des Größenwahnsinnigen, der Napoleon Bonaparte anhaftet – und die Irrenhäuser wie die Regierungsgebäude dieser Welt bevölkern hilft. Und Scott, der in den sechs Jahrzehnten seiner Karriere schließlich genügend Verdienste um die Filmgeschichte angehäuft hat, lockert wie es scheint (aber vermutlich scheint es nur so und in Wahrheit ist David Scarpas Drehbuch an allem schuld) den Griff und pfeift auf die historiografische Orientierung seines Publikums. Wer wer ist und mit welchem Auftrag was unternimmt, wie die Ereignisse aufeinanderfolgen und warum, Ursache und Wirkung, machtpolitisches Kalkül und geopolitische Großwetterlage – was tut’s zur Sache?!

Zwar hat Scott noch vor der Premiere seines immerhin zweieinhalbstündigen Films der Hoffnung Ausdruck verliehen, der bereits bereitliegende viereinhalb Stunden lange Director’s Cut von Napoleon werde vom verantwortlichen Streamingdienst relativ zeitnah dann auch noch ausgestrahlt. In selbigem jedoch soll verstärktes Augenmerk auf den Werdegang von Joséphine de Beauharnais gelegt sein – jene innig geliebte Kaiserin, von der Napoleon sich scheiden ließ, weil sie ihm keinen Erben gebar, und die von Vanessa Kirby in eine fesselnde Mischung aus Fragilität und Stärke gefasst ist.

Egal also ob mittlere Überlänge oder epische Breite, Scott setzt voraus, dass seine Zuschauerschaft über Geschichte und Folgen der Französischen Revolution sowie Aufstieg und Fall des kleinen Korsen mit dem quer aufgesetzten Zweispitz Bescheid weiß. Es schadet daher nicht, die passenden Wikipedia-Artikel VOR Ansicht des Films gelesen zu haben. Man kennt sich dann besser aus. Wer das nicht macht und sich infolgedessen nicht auskennt, wird trotzdem belohnt.

Selten zuvor nämlich trat der in Scott verloren gegangene Historienmaler mit größerem Aplomb aufs Tapet. Und zwar direktemang in die Fußstapfen Jacques-Louis Davids, auf dessen Konto gleich mehrere ikonische Darstellungen des Franzosenkaisers gehen („Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard“, 1801, „Die Krönung von Napoleon“, 1805); mächtige, mehrere Quadratmeter große Tafelbilder, veritable Schinken, die nun zu Ahnen, Idealen, Vorlagen werden für Scotts großgestische Tableaux vivants – die einen Augenblick nur verharren, bevor sie den Staub der Geschichte abschütteln und die Leidenschaften, die in ihnen gefangen nur schienen, beginnen zu toben. Die Gewalt, mit der Napoleon den europäischen Raum neu ordnete, sie ist dann nicht nur in den Schlachten zu sehen.

 

Napoleon
USA 2023, Regie Ridley Scott
Mit Joaquin Phoenix, Vanessa Kirby, Tahar Rahim, Rupert Everett
Laufzeit 158 Minuten