Gewaltakte als Gemälde

Dario Argentos wehmütiges Spätwerk „Dark Glasses“ – im Kino

Occhiali neri, Ilenia Pastorelli
Dark Glasses, 2022, Dario Argento

Mit „Occhiali neri / Dark Glasses“ kehrt Altmeister Dario Argento nach zehn Jahren Pause noch einmal zum Giallo zurück. Doch der Film wirkt unausgewogen.

Dark Glasses ist Dario Argentos erster Film seit Dracula 3D, also seit immerhin zehn Jahren. Der einzige für mich wirklich unheimliche Moment darin ist der, in dem die von Asia Argento gespielte Blindenassistentin der Heldin erzählt, dass das Haus, in dem die beiden Schutz suchen, das Haus ihres Vaters sei. Da wird dann noch mal deutlich, was den Filmkosmos Argentos vor allem ausmacht. Das zelebrierte Ermorden von Frauen und die Ausdauer und Detailverliebtheit, mit der der Regisseur in seinen Inszenierungen vorgeht, hebelt die apologetischen Einwände aus: Im Horrorkino ginge es ja nicht darum, Gewalt gegen Frauen zu feiern, schließlich sei sie ja immer unangenehm anzusehen. Argento hat in Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe, Suspiria, Inferno und noch einigen Filmen mehr die Gewaltakte als hyperästhetisierte Gemälde inszeniert, die in einem rein ästhetischen Sinne schön sind.

Die Gewalt der Bilder macht auch vor der eigenen Tochter nicht halt, die immer wieder in den Filmen des Vaters auftritt, seit Trauma. Das Haus des Vaters ist in diesem Fall das Haus, in dem so gestorben wird, als seien Gewalt und Tod nur Bilder. Ihre Affektintensität hat oft die Aspekte des Kinos Argentos verstellt, die einige seiner wesentlichen Qualitäten ausmachen. In Dark Glasses kommt man beides vorgeführt: die dunkle Schönheit dieser Bilder und die Aspekte, die an diesen Filmen immer wieder als misslungen wahrgenommen werden.

occhiali neri pastorelli
Ilenia Pastorelli

Da sind zum einen die Raum- und insbesondere die Stadtinszenierungen, die das Setting des Films unverortbar werden lassen. Auch wenn die Geschichte in Rom spielt, erscheint das Geschehen seltsam losgelöst. Jeder Aspekt der Bilder wird bei Argento in Hinsicht auf seine Affektintensitäten abgeklopft. Realismus und Handlungslogik rücken demgegenüber in die dritte oder auch vierte Reihe. Was vielen wiederum als Mangel gilt. Eine Kritik, die man sich abgewöhnt, wenn man weiß, dass im Haus von Dario Argento eher traumartige Logiken gelten (hier stimmt die abgegriffene Metapher mal, auch weil man sich an Szenen aus diesen Filmen meiner Erfahrung nach erinnert, wie man sich an Träume erinnert).

Da ist es dann auch nicht weiter störend, wenn ein Polizist, der weiß, dass nach einem weißen Lieferwagen gefahndet wird, auf den ersten weißen Lieferwagen, den er sieht, das Feuer eröffnet, sozusagen präventiv. Derlei Details sind egal, denn wenn Dario Argento sich für irgendetwas gar nicht interessiert, dann sind es Plotlogik und plausible Figurenpsychologie. Der Killer in Dark Glasses ist einfach da, mehr muss man nicht wissen. Und er macht Jagd auf Prostituierte, unter anderem auf Diana (Ilenia Pastorelli), die den Mordversuch überlebt, aber erblindet. Mit den titelgebenden schwarzen Brillengläsern vor den Augen tastet sich Diana durch enge Flure, leere Straßen und eine Sumpflandschaft, die offenbar direkt vor den Toren Roms liegt.

Mit Dark Glasses kehrt Argento ein weiteres Mal zum Giallo und damit an den Anfang seines Schaffens als Regisseur zurück. Tatsächlich hätte der Film, was Atmosphäre, Effekte und die Musik angeht, auch 1975 entstanden sein können (die Musik von Arnaud Rebotini zitiert dann auch hin und wieder die Soundtracks, die die Band Goblin für Argento geschrieben hat). Ein in diesem Sinne vielleicht auch wehmütiges Spätwerk, dass nicht zuletzt den Eindruck erweckt, es hätte Argentos von Kritik und vielen Fans verrissenes bisheriges Spätwerk nicht gegeben.

Ist der Film gut, ist er schlecht? Der Kollege vom Guardian zum Beispiel hat eine klare Meinung, aber es lässt sich schwer entscheiden. Wunderschön inszenierte Momente wechseln sich mit Szenen ab, bei denen man nicht so recht weiß, ob man es da mit demselben Regisseur zu tun hat. Da man aber davon ausgehen kann, dass Dario Argento seine filmischen Mittel beherrscht, drängt der Verdacht sich auf, auch das, was unbeholfen wirkt, sei bewusst unbeholfen inszeniert und verfolge einen Zweck. Man fragt sich nur, welcher das sein könnte. Zum leise irrealen Eindruck, den die bewegten Bilder hinterlassen, trägt auch diese Unausgewogenheit bei.

 

Occhiali neri / Dark Glasses
IT/FR 2022, Regie Dario Argento
Mit Ilenia Pastorelli, Asia Argento, Andrea Gherpelli
Laufzeit 90 Minuten