Die Krankheit der Frauen

Zeitlos, berührend, spannend: „L’événement“ von Audrey Diwan – jetzt im Kino

L'Événement / Das Ereignis, 2021, Audrey Diwan

Basierend auf dem autobiografischen Bericht von Annie Ernaux setzte Audrey Diwan das Abtreibungsdrama „L’événement“ („Das Ereignis“) in Szene – mit der überzeugenden Anamaria Vartolomei in der Hauptrolle – und erhielt dafür den Goldenen Löwen von Venedig.

„Die Krankheit, die nur Frauen bekommen, und die sie zu Hausfrauen macht“, habe sie ihre Studien vernachlässigen lassen. Da diese Krankheit aber nun überwunden sei, könne sie den versäumten Stoff jetzt nachholen. Anne ist fest entschlossen, als sie ihren Dozenten um die Skripten der verpassten Stunden bittet. Der wiederum reagiert zunächst zurückhaltend und zweifelnd – zu umfangreich sei das Versäumte, sagt er –, doch als er Annes Begründung hört, spart er sich jeden weiteren Kommentar und setzt neuerlich Vertrauen in eine seiner besten Studentinnen. Natürlich ahnt er, was geschehen ist, von den Strapazen aber, die Anne hinter sich hat, hat er freilich keine Ahnung. Nichts weiß er von dem, was sie auf sich genommen, was sie durchgemacht hat, um an ihrem Traum von einem selbstbestimmten Leben festhalten zu können. Selbstbestimmung – sollte ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein; doch ist es nicht für Frauen, die ungewollt schwanger werden. War es nicht im Frankreich des Jahres 1963, in dem die Geschichte von Audrey Diwans L’événement (Das Ereignis) angesiedelt ist. Ist es nicht im Polen der Gegenwart oder im US-Bundesstaat Texas, um zwei aktuelle Beispiele zu nennen, falls sich grade jemand fragt, inwieweit ein vor sechzig Jahren angesiedeltes Ereignis Frauen von heute etwas angehen sollte.

Anamaria Vartolomei

L’événement beruht auf dem gleichnamigen, im Jahr 2000 erschienenen autobiografischen Bericht der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux; Diwan, die gemeinsam mit Marcia Romano das Drehbuch schrieb, hat ihn als gradliniges, dramatisches Werk für die Leinwand adaptiert. Darin sind Verzweiflung und Geschwindigkeit dergestalt aneinander gekoppelt, dass der Dringlichkeit des Handelns (d.i. die Notwendigkeit eines möglichst raschen Abbruchs der Schwangerschaft) ein mit jedem vergeblichen Anlauf zunehmender Druck korreliert, der wiederum resultiert in einer stetig sich steigernden Atemlosigkeit, auch des Erzähltempos. Die Nüchternheit des Berichts und die emotionale Wucht der Tragödie fanden selten noch auf vergleichbar harmonische Weise zueinander. Und es mag diese Mühelosigkeit sein, mit der das Eindringliche hier gestaltet ist, die im vergangenen Jahr die Jury der Internationalen Filmfestspiele von Venedig unter dem Vorsitz von Bong Joon-ho dazu bewegte, L’événement mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Löwen auszuzeichnen.

Anne also. Anne, 23, stammt aus bescheidenen Verhältnissen, ihre Eltern betreiben ein kleines Café und sind sehr stolz auf ihre studierende Tochter. Dass Anne sich ihnen anvertraut, als sie ihre Schwangerschaft entdeckt, ist schlicht undenkbar. So undenkbar wie ein Abbruch für den Gynäkologen ist, den sie aufsucht. So undenkbar wie es für Annes Freundinnen ist, ihr Beistand zu leisten. Denn nicht nur die Abtreibung ist illegal zu jener Zeit, auch dabei zu helfen ist von Strafe bedroht. Schließlich aber kennt dann doch noch jemand eine, die wen kennt und Anne erhält die Adresse einer Engelmacherin. Der Weg bis dorthin war schon schwer, nun aber wird es richtig bitter. Was an L’événement mit am Schwersten zu ertragen ist, ist das Alleingelassensein der Hauptfigur, ist die Tatsache, dass da eine junge Frau für ihr Begehren und ihre Lust auf grausame Weise abgestraft wird. Nicht nur wird sie gesellschaftlich geächtet, es werden ihr auch vollkommen unnötigerweise schlimmste Schmerzen zugefügt; weil sie Spaß am Vögeln hat, steht plötzlich ihr Leben auf dem Spiel.

Dass sich all dies der Zuschauerin als die patriarchale Zumutung mitteilt, die es ist, ist Anamaria Vartolomei in der Rolle der Anne zu danken. Vartolomei wurde 1999 in Rumänien geboren und lebt in Paris; 2017 war sie in Marc Dugains hervorragendem Historienfilm L’échange des princesses (Ein königlicher Tausch) zu sehen. Sie spielt Anne als eine selbstbewusste, junge Frau, die eine klare Vorstellung hat von dem, was sie will, und die instinktiv weiß, dass das, was ihr auferlegt wird, Unrecht ist. Anne, wie Vartolomei sie gestaltet – sie wurde für ihre Darstellung unter anderem mit dem César ausgezeichnet –, biedert sich nicht an und sie heischt auch kein Mitleid. Sie kämpft um ihre Zukunft und ihr Glück. Sie kämpft um ihr Recht.

 

L’événement / Das Ereignis
Frankreich 2021, Regie Audrey Diwan, basierend auf dem autobiografischen Roman von Annie Ernaux
Mit Anamaria Vartolomei, Kacey Mottet Klein, Luàna Bajrami, Pio Marmai, Sandrine Bonnaire
Laufzeit 100 Minuten