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		<title>Schuld ohne Sühne</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Benjamin Moldenhauer]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 30 Nov 2022 14:00:40 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>„Schächten“: Paulus Manker spielt einen Nazi in Nachkriegsösterreich, der von einem jüdischen Unternehmersohn drangsaliert wird, weil die österreichische Justiz versagt. Der Psychoanalytiker und ehemalige KZ-Häftling Bruno Bettelheim hat während der Kontroverse um Hannah Arendts Buch „Eichmann in Jerusalem“ eine Idee formuliert, wie man mit Adolf Eichmann, bei allen juristischen und eventuellen moralischen Problemen und Dilemmata, hätte umgehen können. Nicht ein Gericht hätte ihn zum Tode verurteilen, sondern ein Mensch hätte ihn umbringen sollen. Und diesem Menschen, Eichmanns Mörder, hätte man [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><em>„Schächten“: Paulus Manker spielt einen Nazi in Nachkriegsösterreich, der von einem jüdischen Unternehmersohn drangsaliert wird, weil die österreichische Justiz versagt.</em></p>
<p>Der Psychoanalytiker und ehemalige KZ-Häftling Bruno Bettelheim hat während der Kontroverse um Hannah Arendts Buch „Eichmann in Jerusalem“ eine Idee formuliert, wie man mit Adolf Eichmann, bei allen juristischen und eventuellen moralischen Problemen und Dilemmata, hätte umgehen können. Nicht ein Gericht hätte ihn zum Tode verurteilen, sondern ein Mensch hätte ihn umbringen sollen. Und diesem Menschen, Eichmanns Mörder, hätte man dann den Prozess machen sollen, um so alles, was im Zuge des tatsächlichen Prozesses gegen Adolf Eichmann ans Licht der Öffentlichkeit kam, zu bearbeiten.</p>
<p>Das ist eine interessante und plausible Überlegung, weil sie das angeblich Irrationale der persönlichen Rache und das angeblich Objektive der staatlichen Rechtsprechung umgeht, indem sie das eine im anderen aufhebt. Bettelheim ist davon ausgegangen, dass die Strafe des Mörders von Adolf Eichmann gering ausgefallen wäre. Seine hypothetische Konstruktion erlaubt ein Nachdenken über Schuld und Sühne und Rechtsprechung, dass sozusagen zwischen beiden Polen – Recht und Rache – seinen Ausgang nimmt.</p>
<p>Regisseur und Drehbuchautor Thomas Roth erzählt in seinem neuen Film <em>Schächten </em>ebenfalls eine Rache- vs. Recht-Geschichte. Allerdings unter anderen Voraussetzungen. Hier ist der Staat, der Recht spricht, kein zionistischer Staat, dessen historischer Hauptzweck es ist, eine Heimstätte für die Verfolgten und die Überlebenden zu sein, sondern ein postfaschistischer, nämlich das Österreich der Sechziger- und Siebzigerjahre. Und die Justiz denkt hier gar nicht daran, die Nazis zu verurteilen, die längst wieder (oder besser: immer noch) etabliert und angesehen sind.</p>
<figure id="attachment_9195" aria-describedby="caption-attachment-9195" style="width: 550px" class="wp-caption alignnone"><img data-recalc-dims="1" fetchpriority="high" decoding="async" src="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Schaechten_SB4gr.jpg?resize=550%2C310&#038;ssl=1" class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load wp-image-9195" data-lazy-src="https://filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Schaechten_SB4gr-300x169.jpg" alt="Roth, Schächten" width="550" height="310" /><figcaption id="caption-attachment-9195" class="wp-caption-text"><noscript><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="wp-image-9195" src="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Schaechten_SB4gr.jpg?resize=550%2C310&#038;ssl=1" alt="Roth, Schächten" width="550" height="310" srcset="https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Schaechten_SB4gr.jpg?resize=300%2C169&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Schaechten_SB4gr.jpg?resize=770%2C434&amp;ssl=1 770w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Schaechten_SB4gr.jpg?resize=500%2C282&amp;ssl=1 500w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Schaechten_SB4gr.jpg?resize=293%2C165&amp;ssl=1 293w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Schaechten_SB4gr.jpg?resize=390%2C220&amp;ssl=1 390w, https://i0.wp.com/filmfilter.at/wp-content/uploads/2022/11/Schaechten_SB4gr.jpg?w=952&amp;ssl=1 952w" sizes="(max-width: 550px) 100vw, 550px" /></noscript> Jeff Wilbusch, Miriam Fussenegger</figcaption></figure>
<p>Victor Dessauer (Jeff Wilbusch) geht gemeinsam mit seinen Freunden, seinem Vater, einem Holocaust-Überlebenden, und Simon Wiesenthal (Christian Berkel) juristisch gegen den früheren SS-Mann Kurt Gogl (Paulus Manker) vor, der inzwischen unter falschem Namen am Wolfgangsee lebt. Als Kind hat Viktor, so will es das Drehbuch, dem Nazi bei der Arbeit zusehen müssen und schleppt seitdem traumatische Erinnerungen mit. Alle juristischen Anstrengungen laufen ins Leere, das österreichische Täterkollektiv schützt sich gegenseitig und kann auf Staatsanwaltschaft, Richter und Polizei zählen, beziehungsweise stellt es die Beamten gleich selbst. Viktor hat irgendwann genug und ersinnt Rachepläne.</p>
<p>Roth hat im Breitwandformat gefilmt und nutzt die Leinwandfläche insbesondere bei den Außenaufnahmen für wirkungsvolle Bilder: Eislandschaften in einer vollkommen vergletscherten Gesellschaft, in der Kindermörder Volksschulleiter sein können. Wenn Paulus Manker zum Beispiel brütend am Fenster steht und in die Eislandschaft schaut, während seine Klasse singt („Ich möcht‘ am liebsten sterben / Dann wär‘s auf einmal still“), gehört das zu den stärkeren Momenten des Films. Und generell ist es gut und richtig, über die Geschichte des NS und des Postfaschismus Rachegeschichten zu erzählen, die eben immer auch Geschichten einer Selbstermächtigung sind (eine Selbstermächtigung, die beim realen Vorbild des Falls, den beiden Prozessen gegen den SS-Mann Johann Vinzenz Gogl, ausgeblieben ist; Gogl wurde freigesprochen).</p>
<p><iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/dJfzUpuHY-A" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/dJfzUpuHY-A" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></p>
<p>Zuweilen hinterlässt <em>Schächten </em>den Eindruck, als würden seine Figuren wie unter Glas agieren. Manche Sätze und Formulierungen wirken wie vorgestanzt: „In Wahrheit waren wir die Opfer“, „Die Zeiten waren damals so“, „Gnade der späten Geburt“. Was dem Geschehen auch etwas Theaterhaftes verleiht. Alles muss ausgesprochen werden, so als würde der Film seinen eigentlich ja starken Bildern nicht trauen. Einerseits. Andererseits zeichnet sich der postfaschistische Relativierungsrausch sprachlich tatsächlich nicht durch Originalität aus, und vielleicht bildet die Steifheit der Performance die affektive Verstopftheit, die nun einmal entsteht, wenn Menschen vor anderen verleugnen, was sie wirklich sind und was sie getan haben, doch ganz gut ab. Es hängt dann von der Perspektive von Zuschauerin und Zuschauer ab, ob man den Duktus des Films als (zu) didaktisch und erklärend oder als adäquat wahrnimmt.</p>
<p>Paulus Manker wiederum entfaltet als österreichisches Spießbürgermonster eine ziemliche Präsenz, in der die Banalität das Grausame nicht erschlägt und das Grausame nicht die Banalität. Wie <em>Schächten </em>überhaupt dann am stärksten ist, wenn er das Nachkriegsösterreich als oberflächenglatten Terrorzusammenhang skizziert, in dem man eigentlich, auch wenn man den Kampf gegen diese Leute aufnimmt und ihn sehr weit treibt, irgendwann nur noch in die zivilisierte Welt, in diesem Fall nach New York, fliehen kann.</p>
<p>&nbsp;</p>
<div style="font-size: 12px; line-height: 1.9; background-color: #eaeae5; padding: 30px; color: #1e1e1e;"><p><strong>Schächten </strong><br />
<strong>Österreich 2022, Regie</strong> Thomas Roth<br />
<strong>Mit</strong> Jeff Wilbusch, Paulus Manker, Christian Berkel, Miriam Fussenegger<br />
<strong>Laufzeit</strong> 110 Minuten</p>
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		<title>Der Nachtportier (1974)</title>
		<link>https://filmfilter.at/starkes-stueck/der-nachtportier-1974/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[Alexandra Seitz]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Mar 2022 20:30:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Starkes Stück]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wien, 1957. Der Nachtportier, der diesem bockig irritierenden Film den Titel gibt, ist in dem kleinen Hotel, in dem er arbeitet, für allerlei Dienstleistungen zuständig. Er versorgt die älteren Damen mit Zuwendung, einen Balletttänzer mit Drogen, einen (Freundes-)Kreis alter Nazis mit Informationen. Max, ehemaliger SS-Offizier, hat sich eingerichtet in der Nachkriegszeit, in der Leugnung, in der Scham auch über das, was war. Als dann aber eines Nachts Lucia zur Türe hereinschneit, kommt es wieder hoch, das vermaledeite Verdrängte. Denn Lucia [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wien, 1957. Der Nachtportier, der diesem bockig irritierenden Film den Titel gibt, ist in dem kleinen Hotel, in dem er arbeitet, für allerlei Dienstleistungen zuständig. Er versorgt die älteren Damen mit Zuwendung, einen Balletttänzer mit Drogen, einen (Freundes-)Kreis alter Nazis mit Informationen. Max, ehemaliger SS-Offizier, hat sich eingerichtet in der Nachkriegszeit, in der Leugnung, in der Scham auch über das, was war. Als dann aber eines Nachts Lucia zur Türe hereinschneit, kommt es wieder hoch, das vermaledeite Verdrängte. Denn Lucia ist das magere Mädchen, das Max sich einst im KZ aus einem Haufen nackter Todeskandidatinnen ausgewählt hatte, damit es ihm diene.</p>
<p>Den Gedanken, dass nun die Stunde der Rache geschlagen hat, hat man noch nicht zuende gedacht, da fallen Lucia und Max übereinander her und nehmen ihre im Lager begonnene, sadomasochistische Beziehung wieder auf. Misstrauisch beäugt von Max‘ Kameraden, die Verrat wittern und ihre klandestinen Existenzen gefährdet sehen.</p>
<p><iframe class="zeen-lazy-load-base zeen-lazy-load" title="YouTube video player" src="about:blank" data-lazy-src="https://www.youtube.com/embed/AHa5FGWGSls" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe><noscript><iframe title="YouTube video player" src="https://www.youtube.com/embed/AHa5FGWGSls" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></noscript></p>
<p>Als Liliana Cavani 1974 einem konsternierten Publikum <em>Il portiere di notte /</em> <em>Der Nachtportier </em>vorstellte, gab es einen mächtigen Skandal. (Der einflussreiche US-Kritiker Roger Ebert z.B. <a href="https://www.rogerebert.com/reviews/the-night-porter-1975" target="_blank" rel="noopener">zeigte sich angeekelt</a> und berief sich besorgt auf Susan Sontag.) Niemand mochte Cavani in jene trüben Seelen-Gewässer folgen, in denen diese Geschichte einer unseligen, in grausamen Verhältnissen geborenen Abhängigkeit angesiedelt war, und wo Liebe rein gar nichts mit Romantik, sehr viel aber mit Verzweiflung und Wahn zu tun hat. Die Wächter von Sitte und Anstand zogen das perverse Unding aus dem Verkehr; woraufhin gerichtlich geklärt werden musste, dass es sich vielmehr doch um, wenngleich sehr ungefällige, Kunst handele. Alles dies (und noch viel mehr) lässt sich dem umfassenden Bonusmaterial entnehmen, mit dem die Neuedition des mittlerweile zum Klassiker avancierten Films ausgestattet ist. Darunter ein kundiger Audiokommentar, ein Gespräch zur Wirkungsgeschichte zwischen Monika Treut und Marcus Stiglegger sowie Interviews mit Drehbuchautor Italo Moscati, Regisseurin Cavani und Charlotte Rampling, die in der Rolle der Lucia ein frühes Glanzlicht setzte und ihren internationalen Durchbruch feierte.</p>
<p>(Restauriert mit umfangreichem Bonusmaterial auf Disc bei Weltkino/Leonine bzw. gegen moderates Entgelt u.a. auf Prime Video oder Apple TV)</p>
<p>&nbsp;</p>
<div style="font-size: 12px; line-height: 1.9; background-color: #eaeae5; padding: 30px; color: #1e1e1e;"><p><strong>Il portiere di notte / Der Nachtportier</strong><br />
<strong>Italien 1974, Regie</strong> Liliana Cavani <strong>Drehbuch</strong> Italo Moscati<br />
<strong>Mit</strong> Charlotte Rampling, Dirk Bogarde, Philippe Leroy, Gabriele Ferzetti<br />
<strong>Laufzeit</strong> 118 Minuten</p>
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